Habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, Ihr lieben Kalenderleser, wie sonderbar und widerspruchsvoll es ist, daß wir Neujahr mitten im Winter feiern,, wenn die Dunkelheit und ihr Gefolge, Sturm, Schnee und Eis, die Herrschaft haben ? Das ist nicht immer so gewesen. Wenn Ihr an die lateinischen Namen der Monate denkt, so konnt Ihr leicht erraten, wann in alten Zeiten das Neujahrssest begangen worden ist. „Dezem" heißt bei den Römern „zehn". Dezember ist also ursprünglich nicht, wie bei uns, der zwölfte, sondern der zehnte Monat gewesen, so- daß der März als erster gezählt worden sein muß. Wir können es uns auch gut denken, weshalb dieser Monat als Jahresanfang gesetzt war. Wenn die Natur, aus harten Winters Banden erlöst, zu neuem Leben erwachte, wenn mit all dem Keimen und Werden, mit der Saatzeit, ein neuer Kreis' lauf begann, dann war der rechte Zeitpunkt da, ein Merkzeichen in den ewigen Strom des Geschehens zu setzen. Warum das geändert worden ist? Neben einer Reihe äußerer Gründe, wie der veränderten Stellung des ganzen Sonnensystems im Weltenraum, ist besonders einer zu nennen, der eine tiefere Bedeutung in sich trägt: Die Menschen lernten er kennen, daß. der Grund für das Kommen der schönsten, segensreichsten Zeit des Jahres weit zurücklag mitten im kalten Winter. Das Fest der „unbesiegten Sonne", unser heutiges Weihnachtsfest, war diesem Vorgang geweiht. Das Licht schien in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht Übermacht. Wenn es auch scheint, als ob der leuchtende Gott, seiner wallenden Locken beraubt, geblendet, die Schneewolken init seinem Blute rötend stirbt, ja als ob seine hehre Himmelsburg, von den Mächten der Finsternis erstürmt, in ungeheurem Brande zu Grunde geht, sodaß der Wieder schein der Brunst in grellen Nordlichtflammen über das Firmament dahinzuckt, das Gute stirbt nicht, das Rechte richtet sich wieder aus, Licht ist stärker als Finsternis, Wahrheit kann nicht durch die Lüge vernichtet werden, größer als der Haß ist die Liebe. Die Sonne sinkt wohl nach ewigen Gesetzen tiefer und tiefer am Winter himmel, aber nur um sich nach denselben ewigen Gesetzen wieder unwiderstehlich zu heben und am Himmelsbogen emporsteigend eine neue große Zeit auf Erden heraufzuführen. Weißt Du nun, warum '„Neujahr" einen solchen zukunktssrohen, sieghellen Klang hat, was uns dieses Wort verheißt? „Und dräut der Winter noch so sehr, es muß doch Frühling werden." Wenn Du bei dem, was recht und gut ist, bleibst, so muß Deine Sache, die Dein Bestes ist. den Sieg behalten, von denselben ewigen Mächten beschützt und getragen, die über unsere verdunkelten Lande die Sonne wieder leuchtend herausführen. Wer das Wort „Neujahr" mit seinem vollen Inhalt verstanden hat, der weiß, daß es nur eine Gefahr gibt, die uns verderblich werden kann, das Müdewerden, einen Fehler, den wir vor allem vermeiden rnüssen, Mut losigkeit. Das gilt auf allen Gebieten, für den Kampf des Daseins, den die Einzelnen, wie die ganzen Völker zu führen haben, für Politik wie Religion, für Dein äußeres, wie vor allem für Dein inneres Leben. Die Zeiträume, in denen sich der Wechsel vollzieht, können je nach dem, darum es sich handelt. Jahrzehnte, ja Jahrhunderte umfassen, aber lver ausharrt bis ans Ende, bleibt Sieger. Man klagt in unseren Tagen über die Stürme, die die Zeit durchbrausen, über die Macht des Umsturzes, des Unglaubens und der Finsternis. Kennt Ihr Klagenden die ewigen Gesetze nicht, daß Sonnenwende in den dunkelsten Teil des Jahres fällt. Predige uns Neujahr, vom Siege des Guten, verkündige uns die Heldenlaufbahn der Ausharrenden, rede zu uns von dem „unbesiegten Lichte". Vcr Kalenüermann.