so brechen. Bei keiner Gilde dürfen sie feh len, Grete Brumm ist noch immer die lei denschaftliche Tänzerin, und auch die Vor freude des „Ausbuschens" der Gildediele läßt sie sich nicht nehmen. Welch eine Fest- stimmung, wenn am Tage vor der Gilde seier die Wagen voll grünem Buchenbusch aus dem Bergeichusener Gehölz kommen, wenn sie alle Wände und die Decke damit auskleiden und die Lehmdiele festlich mit weißem Sand und grünem „Liesch" be streuen! — Doch dann beginnt die neue, aufge regte Zeit hereinzubrechen, bis ins stille Treenetal dringen die blau-weiß-roten Kokarden und Fahnen. Die Bauern brin gen vom Stapelholmer Jahrmarkt bunte Taschentücher mit, die mit dem Schleswig- Holstein-Liede und einer von Wogen um« brandeten Doppeleiche bedruckt sind; und der Landinspektor Tiedemann von Johan nisberg drüben reist von Dorf zu Dorf, um durch kernige, einschlagende Reden das patriotische Feuer im Volksgemüt des phlegmatischen Landvolkes zu entfachen. Und dann kommt der Krieg mit all seiner Begeisterung und Hoffnung, seinem Unglück und seiner Enttäuschung. Da müssen hohe Kriegssteuern bezahlt werden, da gibt es Einquartierung und Fuhre über Fuhre, doch wie alle schleswig-hol- steinischen Bauern tragen auch Brumms willig ihren Teil sür's Vaterland. Es kommt der Herbst 1850 und mit ihm die Tage von Friedrichstadt. Das ganze Treenetal bildet einen von den Dänen zu ihrem Schutze künstlich angestauten mäch tigen See, dessen äußerster Saum noch die Dorfstraße überspült, so daß die vor beimarschierenden Soldaten mit hochge hobenem Seitengewehr durchs blanke Was ser waten. Unaufhörlich rollt der dumpfe Kano nendonner herüber, und nachts spiegelt sich der vom Widerschein der brennenden Stadt blutig-rot gefärbte Himmel auf den Fluten. Dann stehen Brumms und die Nachbarn vor ihren Katen, mit stillem Grauen westwärts blickend. Ja, das sind ernste Zeiten .... _ Doch auch sie ziehen vorüber, und wieder geht eine Reihe von Jahren im alten Einerlei dahin. — Dann kommt das Jahr 1864 und wieder hallt der Kanonen donner und das Krachen gesprengter Brücken in das Treenetal hinüber. Und dann 1870/71. Mutter Brumms einziger Junge — die Tochter, das älteste Kind, hat Brot und Heim in Amerika ge funden — muß mit nach Frankreich ins Feld ziehen. Der Himmel beschützt ihn, ge sund und munter kommt er wieder. Wie schnell, wie traumhaft schnell das Leben dahinfließt! Kaum weiß man, daß man da ist, und schon wird man alt, naht das Ende. 1881 schließt Brumm seine Augen, 80 Jahre alt, und einige Jahre später zieht Mutter Brumm mit ihrem Sohn und dessen Familie in eine neue Heimat, — nach Klein-Rheide, wo sie durch einen glücklichen Zufall für wenig Geld eine schöne Bauernstelle gekauft haben. Da sieht die Alte, daß der Herrgott der ihren gedacht hat — welch ein Unter schied, aus der alten engen Bünger Räucherkate in das geräumige stattliche Bauernhaus. Zwei Jahrzehnte noch darf die Alte sich des neuen Heims erfreuen, dann zieht sie mit ihren Kindern in das neue kleine Ab nahmehäuschen — die dritte Generation kommt auf der Bauernstelle ans Ruder. _ Da sitzt die Alte nun, von Kindern und Kindeskindern gehegt und gepflegt, in ihrem großen Lehnstuhl am Ofen und kann nicht begreifen, daß alles schon so unfaß bar lange her und sie so furchtbar alt ge worden ist. Längst ist der letzte Bekannte aus den fröhlichen Jugendjahren unten in „de Büng" nach dem Kirchhof gebracht worden. „Awers ick bin alleen öwer blewen, mi hett unse Herrgott wull ver- geten", meint die Alte. „Nein, Mutter Brumm, das glaube ich nicht; wem er 100 Lebensjahre voll ker niger Gesundheit verliehen hat, mit dem hat er es gut im Sinne!"