69 Januartage des Jahres 1814, als er wieder durch den frischgesallenen Schnee nach Brekendorf stapfte. Draußen in der Katenstelle hatte er sein Pferd noch immer unentdeckt und unversehrt vorgefunden, und nun wollte er seinen Eltern im Dorfe einen kurzen Neujahrsbesuch abstatten. Auch Brekendorf lag voller Kosaken; die ganze Dorfstraße entlang flackerten ihre oft von geraubten Scheunentüren und Wagen gespeisten Feuer, um die hinge streckt sie ihre Mahlzeit kochten, die Wodki- flasche kreisen ließen und ihre fremdarti gen traurigen Lieder sangen. Vater ging, nichts böses ahnend, an ihnen vorüber, als plötzlich ein wildbärtiger, ihm plötzlich in den Weg tretender Kosak ihm mir nichts, dir nichts die Pfeife aus dem Munde ritz. Von einer besinnungslosen Wut ergriffen, packt Vater den Räuber mit beiden Fäusten und wirft ihn über eine aus einer Lohtür ragende Wagendeichsel, daß diese krachend niederbricht. In dem selben Augenblick kehrt auch schon seine Ueberlegung zurück, aber zu spät, denn schon sausen die Kantschus der Kosaken auf ihn herab, und er ist ti)r Gefangener auf Gnade und Ungnade. Eine Weile halten sie erregte Beratung, wobei fortwährend zornige Blicke auf ihren Gefangenen fal len, dann wird aus dem nächsten Bauern hause ein bespannter Wagen requiriert, Vater muß aufsteigen, und einen Kosaken als Kutscher auf dem „Siddelbrett", einen zweiten zu Pferd als Bedeckung neben dem Wagen, wird er westwärts aus dem Dorfe gefahren. Welchem Schicksal entgegen, wag er sich nicht auszumalen,. und er wacht sich bittere Vorwürfe, sein Schick sal selbst verschuldet zu haben. Ja, denkt er, wenn nicht ein Wunder geschieht, bist btt verloren; du hast ja auf Feldscbeide gesehen, wie die Kofaken mit einem „Spion" verfahren, und was werden sie nun gar erst mit Dir aufstellen, der sich an einem der ihren vergriff? Du darfst nicht in ihren Händen blei ben, du mußt versuchen, zu entkommen: gelingt es Dir nicht, kann dein Schicksal doch nicht viel schlimmer werden, als wie es ohnehin würde. And nun steht meines Vaters Plan fest. Als sie eine Weile später an einen schmalen, sumpfigen Wiesenstreifen kom men, der durch einen Bach von einem wei ten Torfmoor getrennt wird, gibt er den Kosaken zu verstehen, daß er notwendig vom Wagen herunter müsse, und die Ko saken halten wirklich und lassen ihn ab steigen. Kaum ist er aber hinterm Walle, als er in mächtigen Sätzen auf den nur ihm bekannten, vollständig unterm Schnee ver borgen liegenden, durch Wiese und Bach führenden „Stabbsteinen", die im Herbst und Winter hier den einzigen passierbaren Steg bilden, ins Moor hinübersetzt, wäh rend das Pferd des Kosaken bereits nach wenigen Schritten bis an die Brust im quelligen, moorigen Wiesengrund versun ken ist. Wütend wirft der Kosak dem Flüchtling seinen Säbel nach, der keine zwei Schritte von ihm ins Moor fliegt, fo daß er ihn im Weiterrennen ergreifen und mitnehmen kann. Und nun ist es, als ob unser Herrgott selbst meinem Vater helfen wolle, denn plötzlich steigt ein dichter Nebel auf, der im Augenblicke Moor und Wiese, Feldweg, Wagen und Kosaken vollständig verhüllt und in dessen Schutz Vater zwischen schwarzen Moorkuhlen, welken, verschnei ten Heide- und Binsenbülten, dunklen Torfkloten- und Ringeln hindurch wei ter durchs Moor stapft, bis er sich in der Nähe einer Anhöhe atemlos in einen Sandgraben niederwirft. Da hört er durch die Stille in der Ferne das Blasen der Signalhörner, das Gewieher der Pferde und die fremden Rufe der Kosaken, aber keine Reiter steigen ab, um das Moor zu durchsuchen, es ist ihnen, die es nicht ken nen, noch dazu im dicken Nebel zu groß und gefahrvoll. Und dann bricht der frühe Winterabend herein, und es wird stiller, bis schließlich in weiter Runde kein Laut mehr zu hören ist, als der unheimliche Schrei einer Eule und das Bellen eines Hundes in ferner Heidekate. Nun steigt Vater halberfroren aus seinem Sand graben heraus und schreitet weiter nord westlich, bis ihm durch'Nacht und Nebel die Lichter eines kleinen Heidedorfes ent gegenschimmern. Es ist Böklund, wo er bei einem alten Bekannten freundliche Aufnahme findet. Fast 14 Tage lang muß er hier ein beschauliches Leben auf dem Heuboden führen, denn fast täglich lassen sich Kosaken in der Nähe sehen, vor denen er sich verborgen halten muß. Eines Nach