60 In atemlosem schweigen lauschte die Menge allen Strophen; Begeisterung leuchtete aus den Zügen aller, und über Johann Peters kam es wie Rausch und Taumel. Brausend verhallten die letzten Ak korde. Einen Augenblick noch verharrten die Zuhörer in Schweigen. Dann plötz lich brach ein Beifallssturm los — don nernd und nicht enden wollend; Böller schüsse erkrachten dazwischen, und wieder und wieder erbrausten die Hochs und die Hurras auf das Lied und seine Sänger. In diesem Augenblick hat Johann Pe ters zum erstenmal vor Begeisterung wei nen müssen. II. Es war in der alten Heidestadt Lüne burg, im Frühjahr 1848. In einer alten, lindenumstandenen Kirche stand ein junger Maler auf einer Leiter, langsam und sorgfältig ein hohes Kirchenfenster bemalend. Die Frühlings sonne füllte den weiten, stillen Raum mit ihrem lichten Scheine, draußen vor dem Fenster standen die Linden im ersten grünen Schimmer, und oben auf dem Kirchendache lärmten die Stare. — Johann Peters ließ den Pinsel ruhen; nein, es wollte ganz und gar nicht mehr mit der Arbeit, wi» lieb sie ihm auch war. Immer wieder mußte er an die Heimat denken, wo der Kampf jetzt begonnen hatte. Ach, mußte das ein Leben fein da oben, und er war nicht dabei! — Leise sang er ein Freischäclerlied vor sich hin: „Reich mir die Büchse von der Wand, Die lange schon geruht. Für Schleswig-Holstein stammverwandt Verspritz ich gern mein Blut." Tag für Tag hatte er dem Meister ge sagt: „Ne, Meister, ick kann nich länger hliwen, ick mutt de Arbeid opgewen un na Sleswig-Holsteen rop!" Und immer wieder hatte der Meister ihn gebeten, doch noch zu bleiben, bis die Arbeit fertig wäre; er fände so schwer einen tüchtigen Gesellen wieder, dem er solch eine Arbeit anvertrauen könne. Eigentlich wollte auch Johann Peters selbst die Arbeit gern fertig abliefern, er empfand Befriedigung daran; das war doch einmal etwas anderes, schöneres, als Decken und Firmenschilder zu malen. Er hatte nachgedacht: acht, höchstens zehn Tage konnte die Arbeit noch dauern. „Jo, Meister, denn bliew ick, bet dat Finster ferdig is, awers keen Dag län ger!" — Irgendwo in der Stadt erklang Mu sik; zuerst halb verweht, dann klarer und lauter. Näher und näher kam sie; es mußte die Wachtparade sein — in der Nähe der Kirche lag der Paradeplatz. Richtig, da kam sie schon um die Ecke; voran eine große Schar von Kindern, Lehr burschen und Dienstmädchen, dann die Musiker mit ihren blinkenden Instru menten, Helmen und Knöpfen. Der dicke Bataillonstambour hob den Tambourstock, die Musik schwieg, und einen Augenblick hallte nur das schwere taktfeste Aufschlagen der Schritte. Da, gerade als sie vor der Kirche waren, setz ten die Musiker die Instrumente wieder an, der Bataillonstambour hob wieder den Stock, und schmetternd erklang: „Schleswig-Holstein, meerumschlungen, Deutscher Sitte hohe Wacht ". Johann Peters hätte fast den Pinsel fallen lassen. Wie berauscht lehnte er sich gegen die Leiter und sog, die Hand vor Augen, die teuren Klänge in sich ein. Er hätte hinunterspringen und den ersten besten Musiker umarmen können; im ersten Augenblick wußte er wirklich nicht, was er tat und was er wollte. Doch dann wußte er es plötzlich; nach Schleswig- Holstein wollte er, zu den Freischaren und keinen Tag länger warten. Mochte sein Meister bitten so viel er wollte, mochte das Fenster ewig bleiben, wie es war; nur eins ging ihn jetzt noch etwas an: Schleswig-Holstein. — Am Morgen des nächsten Tages, des Ostersonntages 1848, ging Johann. Pe ters in seinem besten Rock zur Kirche. Er wollte beten und noch einmal sein Werk sehen; sein Herz war voll Osterstimmung und Andacht, wie seit Jahren nicht mehr. Am Nachmittag nahm er Abschied vom Meister und von befreundeten Gesellen. Da war so manches wackere junge Blut darunter, das gar zu gern mitgegangen wäre; vor allem des Meisters Lehrling, der Sohn eines Hannoveranischen Unter-