Der Heimat Lied. Drei Bilder aus dem Leben' eines alten Schleswig-Holsteiners. Bon Felix Schnicißcr. Unzähligemal hat der alte Johann Peters unser altes Lied gesungen und gehört; doch dreimal hat er es so gehört, daß er es nimmer vergessen konnte. I. Ein Handwerksbursche vom alten Schlage, den dicken Ziegenhainer in der Faust, das Ränzel auf dem Rücken, mit Kittel und breitrandigem Hute — er war Maler —, war nach „Deutschland" hin untergewandert. „Holsteiner" stand in sei nem in Preußen ausgestellten Patz. Er aber wollte Schleswig-Holsteiner und Deutscher sein. — Jedesmal, wenn ein Brief seiner El tern ihn erreichte, war es ihm wie ein Fest. Zwar konnte sein Vater, der schlichte Eckernförder Handwerksmeister, seine Ge danken nicht so ausdrücken, wie er wohl wollte; und doch las der Sohn zwischen den Zeilen die Begeisterung und das Seh nen einer neuen Zeit. Einmal lag einem Brief ein neues, soeben gedrucktes Lied bei: „Schleswig-Holstein, meerumschlungen, Deutscher Sitte hohe Wacht ". Er wußte nicht, wie ihm geschah, als er es las; seine Augen wurden ihm feucht, seine Hände ballten sich ihm, und er hätte aufspringen und in die Heimat eilen mögen. Den ganzen Abend mußte er das Lied wieder und wieder lesen, und es war ihm, als höre er die See dort oben vor seiner Heimatstadt brausen. Einem anderen Briefe lag eine kleine blau-weiß-rote Kokarde bei; die bewahrte er in der Mitte des Ränzels zwischen seinen Papieren und teuersten Andenken. Begegneten sich jetzt zwei schleswig holsteinische Wanderburschen, dann schüt telten sie sich herzlicher die Hand als frü her und gingen eine längere Strecke We ges zusammen. Und das Wort Schles wig-Holstein erhielt einen besonderen, schönen Klang, und ein Schleswig-Hol steiner wurde überall gern gesehen. Ja, das waren schöne Jahre für schles wig-holsteinische Wanderburschen! — — Im Sommer 1845 hatte er Arbeit in Würzburg gefunden. Würzburg 1846 —; wer hätte nicht in einem alten Buche oder in einer alten Zeitung aus jener Zeit von dem großen Deutschen Sängerfest in Würzburg gelesen? Wer hätte nicht Großvater oder Großmutter davon erzäh len hören? — Die alte Mainstadt lag in einem Meer von Guirlanden und Fahnen. Von allen Gauen des zerrissenen deutschen Va terlandes waren die Sänger herbeige strömt, und deutsche Sehnsucht und deut- sechs Ringen klangen hier im deutschen Liede aus. — Es war im großen Huttenschen Gar ten. Eine mächtige Festhalle für fünftau send Zuhörer und zweitausend Sängev war hier erbaut. Eine unzählige, fest lich gekleidete Menschenmenge stand hier dicht gedrängt. Ueberall flatternde Fah nen und jener Duft vom welkenden Laub der Guirlanden. Eben war ein reinigen des Unwetter mit Blitz und Donner und rauschendem Regen niedergegangen, jetzt war die Luft klar und frisch, und weiße Wolken zogen am blauen Himmel hin. — Dort auf der Tribüne stellen sich die schleswig-holsteinischen Sänger eben um ihr blau-weiß-rotes Banner auf. In freu diger Erregung drängt Johann Peters sich durch die Menschenmenge näher zu seinen Landsleuten. Irrt er sich? —- nein, da ist ja auch ein bekanntes Gesicht aus seiner Vaterstadt; das ist ja der Kauf mann Lorenzen. Wie er sich freut, nach Jahren wieder einen Menschen aus seiner Vaterstadt zu sehen, und nun gar hier! Der Dirigent hebt den Taktstock, und brausend erklingt: „Schleswig-Holstein meerumschlungen, Deutscher Sitte hohe Wacht, Wahre treu, was schwer errungen. Bis ein schön'rer Morgen tagt. Schleswig-Holstein stammverwandt, Wanke nicht, mein Vaterland!"