68 wurde erst recht bemerkbar, wenn man sich neben ihm befand. Aber wenn man nun die zu Tage getretenen Gedanken Bismarcks gewisser maßen selbst fortspann nud auf die ver schiedenste Art zu Ende führte, stets mußte man sich sagen, daß das Wort, das Bismarck anwandte, doch das beste, das klarste und packendste sei. Man mußte sich wundern über die Begriffsschärfe, über die Bestimmt» heit, mit welcher er seine Folgerungen zog. Als Bismarck geendet, wurden die Türen geöffnet und er bat: „Meine Herren, Sie werden nicht von mir gehen, bevor Sie einen bescheidenen Imbiß mit mir einge nommen haben." Nachdem der Fürst uns dergestalt einge laden, traten wir in das Nebenzimmer ein. Es war ein verhältnismäßig kleiner Raum, nicht ausreichend für unsere Zahl. „Sie müssen sich so gut Platz suchen, wie es geht," sagte der Fürst, „hier kaun ich 30 Personen unterbringen, die übrigen Herren darf ich ins Nebenzimmer bitten. Ich hatte schon manchmal die Absicht, beide Räume miteinander zu verbinden, aber was habe ich davon? nur Bauschutt und' für Bau schutt bin ich nicht mehr " Es erschienen daun und nahmen an der Tafel mit Platz die Fürstin, die reizende, vor einigen Jahren in Hamburg verstorbene Baronin Merck, so wie eine ältere Freundin der Fürstin, eine Diakonissin. Tischordnung gab es nicht. Der Fürst und die Fürstin faßen einander gegenüber, neben letzterer hatte der Vorstand seinen Platz eingenommen. Der Platz zur Rechten des Fürsten blieb unwillkürlich un- besetzt und schließlich standen noch zwei Be- sucher unschlüssig da, der Vertreter aus Greiz und ich. Ersterer wollte sich nicht neben den Fürsten setzen. Dieser sah uns an und sagte: „Ich störe Sie doch wohl nicht? Bitte nehmen Sie Platz?" Und so kam es, daß ich alsbald neben Bismarck saß. Darauf war ich nicht vorbereitet ge wesen. Ich fühlte mich, offen gestanden, zu- nächst ivenig gehoben, denn ich dachte mir, wie es nun mit dem Gesprächsthema werde» solle; über das schöne Wetter werde er doch nicht sprechen. Das dauerte jedoch nur einen Augenblick, der Fürst sagte dann zu mir, er freue sich, daß die Herren gerade aus Kiel zu ihm gekominen seien, da er für die augenblicklichen Dinge in Kiel ein be sonderes Interesse habe. Ich stellte' mich ihm nunmehr als Kieler vor und Bismarck erbat sich Auskunft über einige Fragen. Ich war neugierig worüber. Es war da mals in Kiel die Frage an der Tagesord- nung, wie der Kaiser Wiihelmkanal wirt schaftlich nutzbar zu machen, wie der Ver kehr einzurichten sei. Der Fürst lenkte denn auch auf dieses Gebiet ein und dort wußte ich Bescheid, da ich als ehemaliger Sekretär der Kieler Handelskammer mich täglich mit diesen Dingen beschäftigt hatte. Es gab dies Anlaß zu sehr bemerkenswerten Äußer ungen des Fürsten. Auf eine Bemerkung, der Reichskanzler möge doch endlich auch einmal dem Kieler Hasen und dem Nordostscekanal einen Be- such abstatten, und damit ein Gebiet be rühren, das ihm gleichsam seine Entstehung verdankte, erwiderte der Fürst, daß ihn nur die Rücksicht aus die mit einer solchen Reise verbundenen Aufregungen und Anstrengungen davon abhalte. Er sei so sehr gewohnt, abends im eigenen Bette zu schlafen, das sei aber bei einer derartigen Fahrt, wo es gelte, viel zu sehen und zu lernen und zu hören. Besuche abzustatten und zu empfangen, unmöglich. Uebrigens verfolge er den Auf- schwung der Stadt Kiel mit reger Anteil nahme und neige der Ansicht zu, daß diese Stadt mit der Vollendung des Seekanals eine Nordseestadt, ein Nordseehafen, werde, wie es wohl bei Stettin und wohl auch bei Lübeck der Fall sein könne. Umgekehrt würden Hamburg und Bremen Ostseestädte werden. Daß der Kanal gewisse Nachteile und Verschiebungen des Handels und Ver kehrs einzelner Orte und vielleicht auch Kiels mit sich bringen werde, sei allerdings mög lich, aber sicher würden doch die Vorteile überwiegen, sofern nur die Beteiligten es verständen, rechtzeitig die Vorkehrungen, Be dingungen und Einrichtungen für die ver- änderte Lage zu schaffen. Er sei immer der Ansicht gewesen, daß dem Nordostseekanal eine große wirtschaftliche Bedeutung inne- wohne, diese Ansicht hege er auch heute.