— ■ 63 eine Zeitlang — endlich stand der große Bruder vor uns, und nun ging der eigentliche Spaß los. Atemlos vor Auf regung reichten wir Heinrich Töpfe, Glä ser und Krüge, alle mit Wasser gefüllt: Prasselnd fielen sie immer auf denselben Fleck nieder und machten einen wahrhaft höllischen Lärm. An den hell erleuchteten Fenstern des Brauthauses zeigten sich Ge stalten: man war entschieden erbaut von dieser Huldigung. Aber auch die rächende Gerechtigkeit nahte sich. Es hatte sich eine größere Volksmenge angesammelt, und wahrscheinlich fielen einige spöttische Be merkungen über Webers Leistungsfähig keit: denn plötzlich hörte man sein lautes Schelten auf dem Platz, und die blanken Knöpfe seiner Uniform blinkten so un heimlich nahe bei uns, daß es meiner gan zen Selbstbeherrschung bedurfte, unser schönstes Polterstück, Großvaters Terrine, nicht fallen zu lassen. Heinrich hatte sie bis zuletzt verwahrt, und auch jetzt, wo die Gefahr in nächster Nähe war, schien er sich nicht von ihr trennen zu können. Er schob mich vor sich her und warf einen Wasserkrug so nahe an Webers Kops vor bei, daß dieser zurücktaumelte und erst nach einigen Sekunden mit wilden Flü chen nach dem Neubau stürzte. Aber dort waren wir nicht mehr. Vom Dunkel be günstigt standen wir ietzt hart vor Her mensteins weit geöffnete'- Tür. Wir konn ten in den hell erleuchteten Hausflur sehen, wo viele Mädchen herumhantier ten, und wo Berge von Butterbrot und Kuchen und lange Reihen dampfender Punschgläser standen. Ein Mädchen mit leeren Gläsern kam aus den Zimmern, um gleich wieder gefüllte fortzutragen, und aus den Fenstern tönte Musik und Lachen. Ich sab und hörte freilich von ulledem nicht viel: meine beiden Arme hielten die bis zum Rande mit Wasser uesüllte Terrine umklammert, und ich batte Mütze, mich mitten in dem Ge dränge aufreckt zu halten, llnd nun — das Blut stockte mir in den Adern — kam Weber wieder. Er fluchte sehr laut und aing sehr langsam. Er wird dich sehen, dachte ich: dann gibt es lebenslänglich Ge- mngnis. keine Weihnachten und einen mngen Bart! Aber Weber sab uns nicht. Er stund in der Haustür, und seine rote Nase bog sich wohlgefällig herunter zu einem Glase mit rotem Inhalt. Wie in halber Zerstreuung streckte er die Hand aus nach der Wange eines drallen Mäd- ckens — da fliegt ihm der Terrine klat schend vor die Füße, daß er wild in die Luft springt und sein Punschglas fallen läßt. Ich sehe und höre nichts mehr; ich laufe nur, weiter und immer weiter, bis Heinrich, der mich an der Hand gefaßt hat, mir zuruft, ich solle doch kein „Ban-g^ büx" sein. Er war gar nicht stark gelau fen, und jetzt blieb er stehen und lachte. „Das Wasser sprang ihm bis in sei nen Punsch!" rief er. „Na, und umziehn muß er sich auch!" „Weshalb hat er uns denn nicht gefan gen?" fragte ick noch halb erschreckt. „Er kann ja nickt laufen l Gast du's denn nicht gesehen, daß er hinkt? Kein Mensch sollte es wissen, aber sein Junge, der Krischan, sagte heute etwas in der Schule davon, daß sein Vater krank wäre; er wollte aber nicht verraten, was ihm fehlte. Heute Nackmittag kaufte ich ihm für einen Bankickillina Lakritzen, da sagte er. sein Vater hätte ein dickes Knie, und als ick ihm noch mein Butterbrot schenkte, kam die Wahrheit an den Tag. Weber Ficit eine Schweinsbeule am Knie und Grützverband darauf, da soll er's wobl lassen, uns einzufangen. Sa haben Her mensteins doch einen anständigen Polter abend bekommen!" setzte er stolz hinzu. t Am anderen Tage war die große Hoch zeit. an der vierundzwanzig Stunden lang gegessen und getrunken wurde. „Zu- iällig" standen wir vor dem Hause und sahen in die Tenster. wa rief uns der alte .fiermenftem herein. Wir bekamen so viel Gutes. aufgetisckt. daß wir es gar nickt bewältigen konnten, wir mußten uns auck nock die Taschen vollstecken. Vor allem aber war Heinrich der Held des Taaes. Keiner wate weshalb, aber alle klopften ibm aui die Schulter und meinten, aus ibm würde nock einmal etwas Ordent- lickes werden. Und der alte Herr Her menstein konnte sich gar nickt beruhigen, so viel mußte er lachen und unserem Heinrich zunicken und zutrinken-, bis es diesem ungemütlich wurde, und er uns ein Zeichen gab, daß wir fortgehen wollten. „Habt ihr nach Kucken?" fragte er, als wir auf der Straße standen. Wir hatten Hände und Taschen voll, und er nahm von jedem von uns einen