69 orientiert, vertrat er seine Meinung maßvoll, aber entschieden, und fast immer traf er das richtige. Seine Darstellung war nicht nur klar, sondern auch frisch und fesselnd, da er den Gegenstand nicht einfach referierte, sondern innerlich verarbeitete und Freude an Darstellung und Lehren hatte. Der Staat hat in erster Linie praktische Zwecke, auch bei der Einrichtung der Universitäten; wenn die Lehrer zur Vertiefung, zur Theorie, zum Studium geführt werden, so erkennt gerade in Deutschland der Staat die Bedeutung auch dieser Richtung für seine eigenen Zwecke, er würdigt die gegenseitige Befruchtung von Theorie und Praxis und läßt den Universitätslehrer beide Richtungen vertreten; bei dem einzelnen tritt nach Fach, nach Umständen, nach Persönlichkeit bald die eine bald die andere Seite mehr in den Vordergrund. Leitet nun die Medizin überhaupt schon mehr zur Praxis hinüber, so waren für Bockendahl solche Beziehungen durch die Umstände in besonderem Maße gegeben. Hätte er sich als junger Arzt von vornherein dauernd der Universität angeschlossen, so würde er sich wahrscheinlich vorwiegend als Lehrer und Forscher entwickelt haben. Aber die politischen Verhältnisse der Heimat in seinen Studienjahren lenkten Kräfte und Sinn auf das Gemeinwohl, und die Bedürfnisse des eigenen Herdes verwiesen ihn auf ärztliche Praxis. Diese Umstände entwickelten seine Persönlichkeit und bestimmten seine Richtung. Durch Kenntnisse, Liebenswürdigkeit und Geradheit in der Praxis erfolgreich, fand er in ihr den Sporn zur eigenen Fortbildung ünd den Antrieb zur Überlegung, wo die staatliche Fürsorge für Gesundheitsverhältnisse einzugreifen habe. Das führte ihn zur Staatsmedizin, die er als Lehrer wie als Beamter vertrat. So wirkte er in dreifacher Weise, die eine Seite seiner Tätigkeit durch die andere stützend und ergänzend. Die Lehrtätigkeit und der Persönliche Verkehr mit der Universität hielten ihn in Verbindung mit den Fortschritten der wissenschaftlichen Medizin; das Amt gab ihm Gelegenheit, diese sowie die Erfahrungen der ärztlichen Praxis in der Staatsverwaltung zu verwerten; niemals hätte er Beamter nur am grünen Tisch sein können. Bedarf der Lehrer der Staatsmedizin besonders umfassender Kenntnisse in allen Gebieten der Medizin, so bedarf der Medizinal beamte dazu noch des richtigen Urteils, der Kenntnis der Menschen und der Verhältnisse; beides stand Bockendahl zu Gebote. Diese Vereinigung von Fähigkeiten ermöglichte es, daß er so mannigfach