Aber nicht mit dein, was ist und sein wird, nicht mit dem, was über rechnen und messen der Menschen ligt, will meine Rede sich beschäftigen} sondern anknüpfend an das gegenwärtige, schreite ich ein Jahrhundert in das deutsche Leben rückwärts. Auch 1773 und in dem Zehnt, welches diess Jahr umschliesst, gieng ein mihren und brausen durch unser Volk, auch damals stiessen Gegensätze auf einander, ein neuer Geist stund auf und säte eine Fülle frischer Samenkörner in den deutschen Hoden. Während aber die gegenwärtige Bewegung einen entschieden realen Zug und Gang hat und die Dinge und Zustände unmittelbar packt, blieb die damalige in dem gei- stigen; wo sie aut das wirkliche Leben hinlenkte, geschah es nur schwankend und mit zweifelhaftem Erfolge. Trotz dem war jene Zeit von der nachhaltigsten Bedeutung für Deutschland: wir sahen das deutsche Volk erstehn, damals ist der deutsche Mensch zu neuem Leben aufgewacht. Die kurze Zeit einer Rede lässt nicht zu, alle Voraussetzungen und Bedin gungen jener Epoche zu entwickeln und alle Erscheinungen zu schildern. Ich muss mich daraut beschränken, die Bewegung, welche unsere schöne Litte ratur um das Jahr 1770 ergrift, in Umrissen zu entwerfen und die bedeutendsten Ursachen und Wirkungen derselben zu berühren. — Den nächsten Anstoss zu jener Bewegung erhielten wir von den westlichen Nachbaren. Buffon, Montesquieu, Voltaire und Rousseau vertreten dort jene geistigen Erscheinungen, die über die gebildete Welt ihre Strahlen warfen, weckend und auf regend, erleuchtend und auch verblendend. Entzündet aber ist das neue Licht zu nächst durch die Engländer Newton und Locke. Newton hatte durch seine Philosophiae naturalis principia mathematica (1687) die Metaphysik in Physik verwandelt, die Wunder der alten Götterlehre zu wissen schaftlichen Thatsachen gemacht. Locke hatte in seinem Essay concerning human understanding (1690) geprüft, welche Gegenstände dem menschlichen Verstände zugänglich seien, welche ausserhalb seines Vermögens liegen, und die Sinnenerfahrung als Grund aller Erkenntniss gefunden. Seine Lehre ward dadurch von so grossen Folgen, dass er die Beobachtung zur Bedingung der menschlichen Forschung erhub und die inductorische Methode auf alles anwante, auf Natur, menschliches Denken, auf Politik und Religion. Er lehrte die unbefangene Untersuchung alles seienden und ward hierdurch der Vater der sogenannten Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts. Die bisherige Beherrscherin alles wissens, die Theologie, war entthront. In jenen vier Franzosen, die ich vorhin nannte, zeigt sich die neue Erkennt- nissmethode von bedeutendster Wirkung. Buffon erfasst die Natur als lebensvolles künstlerisches ganzes, als unzer störbare durchgeistete Grösse. Er zeigt sie als ersten und lezten Quell der Bildung, welcher sichere Aufschlüsse über den Urgrund und das Wesen alles Lebens gibt.