56 Lindor, ein jugendfrischer, lebenslustiger und leichtfertiger Rittmeister, erregt durch seine Anmut und sein feuriges Tempera ment die Aufmerksamkeit der Witwe Belise, mit der ihn (von seiten ihres verstorbenen Gatten) verwandtschaftliche Bande ver knüpfen. Trotz seiner edlen und stolzen Gesinnung wird er von ungemessener Eitelkeit beherrscht, die ans Stutzerhafte grenzt. So rühmt er sich mitunter seines schönen Wuchses und Aus sehens, was ihm allerdings keiner bei seiner fast kindlichen Naivi tät verübelt. Gerade diese eigenartige Verbindung von todver achtendem Mut und mädchenhafter Eitelkeit in Lindors Wesen läßt ihn in Belises Augen nur um so anziehender erscheinen. Er, der gleich beim ersten Anblick in Liebe zu ihr entbrannt ist, sieht seine Neigung erwidert. Ungestüm gesteht er ihr eines Tages seine Wünsche, deren Erfüllung er herbeisehne, nämlich seinen ersten Waffengang mit den Engländern zu führen und zwar an ihrer Seite. Versucht sie auch, ihm beides auszureden, so gibt er sich dennoch der Hoffnung hin, durch Waffenruhm ihre Hand zu erstreiten. Narbenbedeckt von seinem ersten Feldzuge heimzukehren, ist das Ziel seines glühenden Strebens, dies allein vermöchte seinen hochfliegenden Stolz zu befriedigen. Zitternd heißt sie ihn, seine Pflicht als Edelmann zu erfüllen, sie aber nicht mit Prophezeiungen zu ängstigen. Die Wirkung seiner Worte erfreut ihn, erkennt er doch an ihrer Besorgnis die Liebe, die sie für ihn hegt. Hoffnungsfroh erwägt er, welch ungleich stär keren Eindruck auf ihr Gemüt der Anblick wirklicher Wunden an seinem Körper hervorbringen müsse, ln den zwei Monaten, die Lindor und Belise zusammen sind, gewinnt ihre Liebe an Innig keit und Stärke. Doch infolge seiner Schüchternheit und seines Unvermögens, seinen wachsenden Einfluß auf ihr Herz zu be urteilen und sein Verhalten zu ihr entsprechend einzurichten, glückt es ihm nicht, sie zur Heirat zu bestimmen. — Die drohenden Nachrichten vom bevorstehenden Ausbruche eines Krieges lassen Belise ihren schwachen Widerstand gegen Lindor völlig aufgeben. Ja, sie macht sich sogar unberechtigte Vor würfe über ihre Härte und Strenge gegen ihn. Voll Verwunderung erkennt sie die Ausdauer und Treue des edel empfindenden Lindor. Der unerwartet schnelle Ausbruch der Friedensunter handlungen wirkt aber geradezu lähmend auf sie ein. Der Ge danke, daß der Geliebte in den Kampf, vielleicht auch in den