92 mit hineingezogen erscheint. Im entscheidenden Falle ist unter allen Umständen der künstlerischen Praxis eines großen Dichters mehr Gewicht beizulegen, als einer abstrakten Theorie. Ich bin nicht der Ansicht, daß wir auf Grund der Zeugnisse, die uns über die Art dichterischen Schaffens vorliegen, berechtigt sind, eine Bewußtheit künstlerischen Gestaltens bis ins kleinste anzunehmen, ich kann nicht glauben, daß der Dichter bei der Wiedergabe eines jeden sinnlichen Zuges sich zuvor die Frage vorlegt, ob dieser auch ein Seelisches zum Ausdruck bringe, sondern ich glaube dies allein abhängig von dem Stilgefühl und der Kraft der Gegenständlichkeit, mit der das Sinnliche auf die Phantasie des Dichters wirkt. Daraus folgt, daß auch das Körperliche, sofern es nicht nur unmittelbar der Spiegelung seelischer Qualitäten dient, in seinem rein sinnlichen Charak ter des Reizes genug bieten kann, um als wesentlicher Faktor des Gesamtbildes, unter der Voraussetzung künstlerischen Feingefühls auf Seiten des Dichters, seine Existenzbe rechtigung in der Poesie zu haben. So weiß auch Stör ms feines ästhetisches Gewissen in diesem Punkte nichts von theoretischer Beschränkung, ohne daß seine Schilderungen den Eindruck des Leblosen hervorriefen. Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, daß es bei Storm eine große An zahl von Darstellungen sinnlicher Einzelheiten gibt, die eine seelische Eigenschaft spiegeln, oder zu ihr Beziehung haben und dadurch erhöhte Lebendigkeit gewinnen. Was des weiteren das Moment der „Erleichterung“ der Darstellung angeht, so halte ich das für einen dem Wesen künstlerischer Darstellung nicht entsprechenden Ge sichtspunkt und glaube ihn im besonderen Storm gegen über mit eine Hinweis auf die frohe und mühelose Meister schaft der Darstellung des Sinnlichen abtun zu können. Eine anschauungskräftige Phantasie hat in der Dichtung Storms mit der Fülle sinnlicher Einzelheiten ihr freudiges Spiel und willig folgt ihr eine meisterliche Sprachkunst.