I. Teil. Zur Quellenkunde und Textgeschichte der Storm’schen Novellen. Jedem, der den Zauber Stormscher Dichtung an sich erlebt, wird jener geheime Schimmer undefinierbarer Schön heit aufgegangen sein, der über so mancher seiner Gestalten, insbesondere seiner Mädchengestalten schwebt. Wenn nun in dieser Arbeit der Versuch gemacht wird, den Schleier dieses poetischen Geheimnisses ein wenig zu heben, so könnte mir mancher Stormliebhaber, der nur empfinden und nicht erkennen will, den Vorwurf machen, ich hätte in der zergliedernden Betrachtung der Wissenschaft die duftigen Geschöpfe der Dichterphantasie zerpflückt und ihres zarten Schmelzes beraubt; allein er würde auch zugeben müssen, daß wie die feine Griffelkunst eines Dürer dem schärfsten Glase, so auch die dichterischen Gebilde dieses „stillen Gold schmiedes und silbernen Filigranarbeiters“ der eindringenden kritischen Sonde unberührt standhalten. Denn wie bei einem Dürer jeder Strich, so ist bei Storm jedes Wort aus der Tiefe einer Persönlichkeit geboren, die wir nur zu ahnen, nicht zu erfassen vermögen, die das letzte Geheimnis jeder starken künstlerischen Wirkung ist und deren schöpferischer Odem zu lebendiger Einheit verbindet, was unter der Hand des Kritikers in tote Teile anseinanderfällt. Vor dem Mysterium einer Persönlichkeit muß die Wissenschaft die Flagge streichen; aber innerhalb ihrer Grenzen hat sie uneinschränkbare Rechte und unabweisliche Pflichten, deren Erfüllung die lebendige Wirkungsfähigkeit echter Poesie nicht schmälert und der Erkenntnis nur dienlich sein kann. Und so sind zunächst die beiden Hauptaufgaben philologischer Tätigkeit: Quellen