1. Preußens Erhebung. 275 IV. Hu neueste Jett. A. Die Befreiungskriege. 1. Preußens Erhebung. Unter den Deutschen hatten am meisten die Preußen von dem französischen Druck zu leiden. Das Land war um die Hälfte verkleinert; die Felder lagen verwüstet; Gewerbe und Handel waren vernichtet, die Bevölkerung durch unaufhörliche Kontributionen ver armt, die Festungen von französischen Truppen besetzt, die That kraft des Königs von fremden Spionen gelähmt. Aber mit diesem tiefsten Grade der Erniedrigung begann zugleich die nationale und sittliche Wiedergeburt. König und Volk wurden durch das furcht bare Unglück zur Erkenntnis der Ursachen des tiefen Verfalls ge führt, und diese zu beseitigen, daran arbeitete man jetzt unablässig und mit aller Kraft. Im Vertrauen auf Gott und unterstützt von kräftigen, für das Vaterland glühende» Männern, legte Friedrich Wilhelm die Hand an die Umgestaltung von Staat und Heer. Der Minister Freiherr von Stein war bemüht, für eine neue, gedeihlichere Staats einrichtun g die Grundlagen zu schaffen. Er ging dabei von dem Gedanken aus, daß das ganze Volk zum Bewußtsein der Aufgabe kommen müsse, an der Wohlfahrt des ganzen Vaterlandes mitzuarbeiten und daß besonders in den unteren Ständen, dem Bürger- und Bauerntum, der Gemeinsinn geweckt, eine freiere Bewegung hervorgerufen und die Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten lebendig gemacht werden müsse. Dazu war aber vor allen Dingen nötig, Bürger und Bauern von den letzten Fesseln zu befreien, welche ihnen noch aus dein Mittelalter anhafteten und die sie hinderten, sich als freie, gleichberechtigte Unterthanen eines gemeinsamen Vaterlandes zu fühlen und es zu lieben. Die Bauern waren nach dem Aufschwung zur Befreiung, der im 16. Jahrhundert seinen Anfang genommen hatte (s. S. 178), in die lraurigste Lage wieder zurückgesunken. Der Zehnten, eine Abgabe von Korn, Vieh, Wein und Obst, wurde noch immer dem Gutsherrn wie dem Pfarrer bezahlt. Die, alte Verpflichtung zu Hand- und Spanndiensten war durch die Übergriffe vieler Herren wieder un erträglich gesteigert. Die „Frontage" wurden oft in halbe und viertel Tage zerrissen und so dem Bauer die Bewirtschaftung des 18*