14 Bei der Mehrzahl der Fälle bleibt es aber nicht bei dieser Angst bestehen. Die fortwährende Beobachtung der Organe des Körpers, die krankhafte Verarbeitung der physiologischen Erscheinungen läßt sie zu dem unausweichbaren Ergebnis gelangen, daß sie unrettbar erkrankt sind. Die Angst vor den Folgen des Leidens, vor unheilbarem Siechtum, vor dem Drohen des Todes tritt in den Vordergrund der Erscheinungen. Die gestörte Empfindung kann auf ein Organ beschränkt bleiben, sie kann aber auch auf die andern Teile des Körpers ausgedehnt werden. Die Kranken bauen sich gewissermaßen ein eigenes System der Anatomie und Pathologie auf. Wie dieses nun verwertet wird, ob es bei einfacher, im Bereich der physio logischen Möglichkeit liegender Deutung bleibt, oder ob es zu fantastischer Weiterbildung kommt, das hängt von der Veranlagung und dem Bildungsgrade des Erkrankten ab. Die Landbevölkerung glaubt häufig ihre Leiden durch die Tätigkeit von Tieren hervorgerufen; Kriebeln ist durch Ameisen unter der Haut, Schmerzen im Leib durch Würmer und Vögel in den Därmen, Fröschen im Magen veranlaßt. Die Gebildeten beziehen dagegen ihre Beschwerden gern auf eine Alteration ihres Nervensystems, fürchten von Krankheiten befallen zu sein, die grade zu der Zeit besonderes Interesse in der medizinischen und Laienwelt erregen. Die Angst vor Bazillen ist sehr ausgebreitet, Schmerzen im Unterleib sind bei Frauen mit Bestimmtheit durch Uteruscarcinom hervor gerufen, für Schwindel und Vergeßlichkeit muß die Ursache in Gehirnerweichung, für Rückenschmerzen in Tabes zu finden sein. Mit größter Deutlichkeit beobachten die Kranken angebliche Veränderungen der inneren Organe: sie werden größer oder kleiner, ihr Gewicht nimmt zu oder ab, die Därme sind leer, wachsen zusammen, das Gehirn verflüssigt, wird hohl, das Rückenmark ist dünn wie ein Faden. Charakteristisch ist. die konsequente und logische Ver arbeitung der Sensationen, das unerschütterliche Festhalten an der einmal gefundenen Deutung, das in den schwereren Formen die Kranken völlig unzugänglich der entgegengesetzten Ansicht des Arztes macht, außerordentlich empfänglich dagegen für jede noch so schwache Bestätigung ihren eignen Diagnose.