Full text: Zwey Reden, gehalten in den Versammlungen der vier vereinigten Freymäurerlogen in Hamburg

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schämte Hülfe zu betteln und verschmachtete, ihm 
halfst, ihn seiner Familie, ihn dem Staat wieder- 
gabst — wenn du die arme ve-claßne Unschuld wider 
mächtige Widersacher mit Löwenmuth vertheidigtest, 
wenn du dem Greise, dem sein hartes Sterbebette 
die Quaal bitter machte: so viele arme, unglückliche 
Kinder zurücke zu lassen, ohne Freund , ohneVer« 
sorger, ohne Vater •— wenn du dem seine Thränen 
abtrocknetest, sein Sterbebett sanft machtest, und 
nun sahst, wie er die sterbenden Hände für dich zu 
Gott aufhob und eine Freudenthräne weinte, und 
du den heissen Dank der Thräne sahst, das stille, 
heilige Gebet — o wie war dir da? wie war 
dir da? Wie schwanden da vor dir die Freuden der 
Erde, die Nebel! wie durchschauerte dich da des 
höhest bessern Lebens Vorgefühl! O fielst du da nicht 
auf deine Kniee und danktest Gott, der dir 
die Wonne schenkte, der dich würdigte, Se» 
ligkeit des Himmels schon hier dich fühlen zu lassen. 
Und war der Dank nicht Gefühl, tiefes Gefühl 
deiner' Niedrigkeit, deiner gänzlichen Abhängigkeit 
von Gott? 
..r . .4 - "V'V . ^ ' '5) 
O meine Brüder, der kennt die Menschen und 
die Tugend, und das Verhältniß des Menschen zu 
Gott wenig, der glaubt: das Andenken an unsre 
Tugenden verführe zum geistlichen Stolz. Das 
ist die Lehre der düstern Moral, die freylich auch 
noch jeht herrscht, die den Menschen so gern ans 
Gottesfurcht, zum Teufel herab würdigen möchte, 
die Tugend auf keinen festern Grund zu bauen glaubt, 
als wenn sie den Menschen alles Gefühl ihres Werths 
und
	        

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