Full text: (1913)

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Augen und stöhnte laut auf: „Ich bin ein 
Tier!" Da wankte er schweren Schrittes 
ins Haus hinüber. Frau Brigitte schrie 
vor Schrecken laut auf, als sie ihn so kom 
men sah. Sie dachte nicht anders, als 
daß er sich im Rausche an ’ einem der 
Knechte vergangen habe. 
Er ließ sich willenlos zu Bette bringen 
und verfiel bald in einen fiebrigen 
Schlaf, aus dem ihn schwere Träume im 
mer wieder aufschreckten. Einmal übers 
andere sah er sich scheu nach der Türe um 
und flehte die neben dem Bette sitzende 
Frau an: „Bring es hinaus, gelt!" 
Siehst Du nicht, es ist schon wieder da! 
Das silberne Schaf! Es macht nach tot 
mit seinen Augen! .... 
Frau Brigitt suchte ihren Mann nach 
Möglichkeit zu beruhigen. Vom Hüter 
buben, der sich vor dem Meister im Holz 
stall verkrochen hatte und der so ohne sei 
nen Willen Zeuge des wüsten Auftrittes 
geworden war, hatte sie unterdes alles er 
fahren. Sie hatte Hans, dem Aeltesten be 
fohlen, das arme Lämmchen in Pflege zu 
nehmen und es mit süßer Kuhmilch, so gut 
es gehe, zu nähren. Aber vom Lager des 
Mannes wich sie keinen Augenblick. 
Dieser hatte jetzt fast eine halbe Stunde 
verhältnismäßig ruhig geschlummert. Nun 
schien er im Traum neben seinen Zechge- 
nossen beim Fuchswirt zu sitzen. „Weg 
mit den Karten" stöhnte er plötzlich laut 
auf. „Seht ihr's denn nicht? Seht ihr's 
nicht? Es ist wieder da das silberne 
Schaf! Dort — bei der Türe — dort! 
Es kommt zu mir her — haltet es fest! 
Und jetzt redet es — redet wie ein Mensch: 
Bauer, dein silbern Sckiaf will sterben! 
Läßt Du's geschehn, ist's Dein Ver 
derben! 
Ich leide Not, ich leide Not 
Bauer, — das silberne Schaf ist tot." 
Er hatte sich etwas erhoben und fiel nun 
schwer auf die Kissen zurück. Gleich dar 
auf sank er in bleiernen Schlaf, aus dem 
er erst gegen Mittag erwachte. Frau Bri 
gitt wartete mit Herzklopfen auf den er 
sten Augenaufschlag. Ihr Atem ging leich 
ter, als sie bemerkte, wie das krampfhaft 
Verzerrte allmählich aus den Zügen des 
Schlafenden wich. Und als dieser sich jetzt 
aufrichtete und in der Kammer umsah, 
war sein Blick klar und sein Wesen sonder 
bar ruhig: „Wie ist's mit dem Lämm 
chen?" fragte er leise, aber mit sichtlicher 
Spannung. Die Frau konnte ihm ver 
sichern, daß es munter und guter Dinge 
sei. „Darf ich mich mit meinen eigenen 
Augen davon überzeugen?" bat er ein 
dringlich. 
Frau Brigitt ging hinaus und kam 
gleich darauf mit Mareili zurück. Das 
Kind trug das weiße Lamm auf den 
Armen und trat damit neben das Bett 
hin. Der Bauer fuhr dem Tierchen mit 
der rauhen Hand über das Silberfell und 
sagte: „Gelt Mareili, Du hälft gute Sorge 
zu ihm? Es soll dann Deines sein." Das 
Lamm tat ganz zutraulich; es leckte dem 
Bauer die Hand und schnupperte und 
luschte. Da traten dem harten Manne die 
Tränen in die Augen, er mußte sich ab 
wenden — . . 
Eine halbe Stunde später befahl er, 
daß man seine nächsten Nachbarn zu ihm 
ans Lager rufe. Im Beisein seiner Frau 
und seiner Kinder legte er vor den drei 
Männern das Gelöbnis ab, ein neuer 
Mensch zu werden und für sich und die 
Seinen Ehre, Glück und Gut wieder zu 
rückzugewinnen. — 
Der Guldenbauer hat sein Versprechen 
gehalten. Nicht nur, daß er der Versu 
chung nach Möglichkeit aus dem Wege 
ging; er hielt ihr auch, wo sie an ihn her 
antrat, tapfer stand. Das silberne Schaf 
hat er selber mit vieler Sorge groß ge 
zogen. Frau Brigitt hat mehr als ein 
mal beobachten können, wie er zu dem zu 
traulichen Tier redete, wie zu einen: Men 
schen und bei ihm Abbitte tat. Und in 
Rottannen findet es jedermann selbstver 
ständlich, daß das Schaf noch heute so 
gute Pflege und Wartung hat. 
An dem Tage, da der Guldenhof dank 
des Fleißes seiner Bewohner wieder schul 
denfrei geworden war, ließ der Bauer den 
eichenen Türrahmen mit der Aufschrift 
„Zum roten Gulden" herausnehmen und 
durch einen neuen ersetzen, dem die Worte 
eingekerbt waren: „Zum silbernen Schaf". 
Ter Tuchswirt Wendel, der das Weges 
ging, blieb neugierig stehen und machte 
eine spöttische Bemerkung. Da öffnete der 
Bauer ein Fensterflügel und sagte gelas 
sen: „Fuchs, gehe in dein Loch, oder ich 
laß Dir den Hund aufs Fell hetzen."
	        
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