Full text: (1913)

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Daß er selber der Fehlbare sei, daran 
dachte der Guldenbauer nur in seltenen 
Stunden der Einkehr, wenn ihm draußen 
beim Pflügen oft ganz plötzlich das Glück 
der Arbeit und die Herrlichkeit des Acker 
friedens zum Bewußtsein kamen. Dann 
konnte es geschehen, daß er im stillen viele 
gute Vorsätze faßte, ja, daß er seiner Frau 
liebe Worte gab und ihr für alles Un 
recht, das er ihr schon zugefügt, Abbitte 
tat. Und Frau Brigitt, die ihn nie ganz 
aufgegeben, faßte wieder neuen Mut und 
sie und die Kinder hatten einen guten 
Tag. Aber wenn dann der Bauer abends 
nach Hause schritt und den Fuchswirt im 
halboffenen Fenster mit den Karten win 
ken sah, dann wußte er der Versuchung 
nicht zu widerstehen. Und Wendel brachte 
es ohne große Mühe fertig, ihm weiszu 
machen, daß der zweitgrößte Hofbesitzer 
auf vier Stunden im Umkreise nicht wie 
jeder simple Ackerknecht Tag für Tag im 
Geschirr zu stehen brauche. Was denn da 
einer von seinem ererbten Vermögen für 
einen Genuß hätte? 
Wieder einmal hatte der Guldenbaner 
bis lange nach Mitternacht bei den Kar 
ten gesessen, war dann am Wirtstische ein 
geschlafen und kam nun erst mit dem hel 
len Morgen auf den Hof zurück. Da sah 
er über seiner Haustür ein von losen 
Schalknarren hingebrachtes weißes Brett 
stück hängen, das die stolze Inschrift 
„Zum roten Gulden", die in schön ver 
schnörkelten Buchstaben auf dein eichenen 
Türbalken eingeschnitzt war, ganz über 
deckte. Auf dein Täfelchen war, mit gro 
ben Pinselstrichen hingemalt, die Worte 
zu lesen: „Zum letzten Groschen". ^Der 
Guldenbauer stand wie versteinert. Sein 
Gesicht wurde weiß, seine Lippen preßten 
sich krampfhaft zusammen. So stand er 
eine ganze Weile da, bis sich seine Wut 
plötzlich Luft schaffte. Er ergriff eine an 
der Mauer lehnende Hacke und schlug da 
mit wie toll auf die Tafel los, bis diese 
herunterfiel. Dann trat er sie mit Füßen 
und warf sie zuletzt in weitem Boden über 
die Hofstatt hinweg in eine Mistlache. 
Nun überlegte er einen Augenblick. 
Sein Zorn fiel auf den Meisterknecht» 
dessen Kammer gerade über der Haustür 
lag und der den Schimpf hätte verwehren 
müssen. Mit scharfen Schritten ging er 
nach der Scheune hiniiber und von da in 
die Ställe. Er rief und sah sich überall 
um, aber nirgends ließ sich jemand blicken, 
obgleich schon lange Fütterzeit war. 
Der Guldenbauer keuchte vor Wut. Es 
fiel ihm ein, daß die Knechte selber ihm 
und seinem Hause die Schande angetan 
und sich dann aus dem Staube gemacht 
haben könnten. AIs er, ohne auf den Weg 
vor sich achtzugeben, in den niedrigen 
Schafstall trat^fiel er der Länge nach über 
ein braunes Schaf hin, das sein Junges 
säugend friedlich neben der Tür lag. 
Gestern morgen erst war das zierliche 
Tierchen zur Welt gekommen. Sein kur 
zes Wollkleid war weiß wie frischgefalle 
ner Schnee; ja es war, als ob es außenhin 
von Silber glänzte. Das elfjährige Ma- 
reilli hatte bei seinem Anblick vor Freude 
im Kreise herumgetanzt: „Ein Silber- 
schäfchen, ein Silberschäfchen." 
Der Bauer geriet ganz außer sich dar 
über, daß ihm das Schaf nicht ausge 
wichen war. „Lumpentier" knirschte er 
zwischen den Zähnen, während er sich vom 
kotigen L-tallboden erhob. Mit der har 
ten Stiefelspitze schleuderte er das zarte 
weiße Lämmchen beiseite, sodaß es wie tot 
neben der Wand liegen blieb. Das Mut 
terschaf stieß ein angstvolles Blöken aus, 
so laut und kläglich, daß sich der Bauer die 
Ohren zuhalten mußte. „Willst Du wohl 
still schweigen" schnob er. Aber das Schaf 
¿»löste noch jämmerlicher und sah mit offe 
nem Maul zu ihm hinauf, als ob es ihn 
anklagen wollte. Da verlor der Bauer den 
letzten Rest von Besinnung. Er zerrte das 
sich sträubende Tier in den Holzstall hin 
aus, griff nach der im Haublock stecken 
den Art und hieb dem Schaf auf dem 
Holzblock mit zwei wuchtigen Streichen 
den Kopf vom Rumpfe weg. „Einen 
Schafsbraten will ich heut haben" lallte 
er und lachte grell heraus. 
Da hörte er ein leises wimmerndes 
Blöken hinter sich. Er schaute sich um und 
fuhr zusammen, wie wenn ihm jemand 
einen Schlag auf^den Kopf versetzt hätte. 
In der offene»: Stalltür stand das silber 
weiße Lämmchen und sah ihn »nit stum 
men» hilflosen Blicken air. Und nun trip 
pelte es zu seiner toten Mutter und suchte 
Nahrung. ... Da kain dem Unseligen 
die ganze Schwere seiner Tat mit plötz 
licher Klarheit zum Bewußtsein. Er 
preßte die blutbefleckten Hände vor die
	        
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