Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

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kommt, von einer Anzahl teilnehmender 
Zivilisten begleitet, die Straße herauf ge 
wankt und tritt in das Hans des Dr. 
Wasmer am Gänsemarkt, und seine Be 
gleiter erzählen uns jetzt: 
„Ein von einer feindlichen Kugel ab 
gesplittertes Eisenteilchen des einen schles 
wig-holsteinischen Geschützes ist gegen den 
Adler seines Helmes geflogen und hat ihm 
die kleine, den Adler haltende Schraube 
in die Kopfhaut getrieben. Von Schmerz 
halb betäubt, hat er sich nur eine Weile 
Ruhe gegönnt, um sofort seinen Platz an 
der Kanone wieder einzunehmen, aber 
vergeblich — er hat sich nicht mehr auf 
recht halten können und ist deshalb von 
Kameraden ins Blockhaus zurückgeführt. 
Als er dann auch hier vor Schmerz nicht 
mehr aushalten konnte, ist er im Chaussee 
graben unterm Hagel von feindlichen Ge 
schossen in die Stadt gekrochen." 
Wir warten am Gänsemarkt, bis der 
Artillerist mit verbundenem Kopf, dom 
Doktor an die Tür begleitet, wieder her 
austritt. „Sie dürfen auf keinen Fall 
wieder in die Schanze gehen," sagt Doktor 
Wasmer, „Sie bleiben in der Stadt, sonst 
muß Ihr Zustand sich bedenklich ver 
schlimmern." 
„Och wat, Herr Doktor, Tostand hier 
un Tostand dor — hüt hör ick op de 
Schanz, mag st kamen as't kummt, wenn 
wi man de Bäwerhand beholen, schall mi 
alles annere egal sin!" 
Und der Brave, dessen schwankender 
Gang und bleiche Gesichtsfarbe deutlich 
genug seinen Schmerz und seine Schwäche 
verraten, geht wieder gelassen dem Aus 
gang der Stadt zu, um dort draußen mit 
größter Lebensgefahr auf allen Vieren 
unter dänischem Kugelhagel wieder an 
seinen Posten zu kriechen! 
Es ist Mittag! 
Plötzlich verstummt das bisher unun 
terbrochen tobende Donnern der Geschütze, 
und Tausende von Menschen, die aus der 
ganzen Umgegend und von den Nachbar 
städten, durch den Kanonendonner herbei 
gelockt, sich rings um die Stadt aus allen 
Höhen in schwarzen Mengen angesammelt 
haben, strömen herein. Alles wogt der 
Schiffbrücke zu, wo bereits aus tausend 
Kehlen unser Kampflied „Schleswig-Hol 
stein meerumschlungen" ertönt. 
Ein mit dänischen Matrosen bemann 
tes, die Weiße Parlamentärflagge führen 
des Boot. schaukelt im Hafen ans den 
Wellen. 
Der immer schärfer werdende Ost will 
es ans Bollwerk treiben, doch die Matro 
sen, die Angst vor der tausendköpfigen 
Menschenmenge haben müssen, stoßen es 
immer wieder mit den Rudern vom Boll 
werk ab. 
sie erwarten den Parlamentär zurück, 
der im Hause des Bürgermeisters mit dem 
Magistrat und dem greisen Etappenkom- 
mandeur, Kapitän Wigandt, verhandelt. 
Plötzlich verbreitet sich wie ein Lauf 
feuer die Nachricht: „Se wät frie Afftog 
hemmen, oder se scheeten de Stadt in 
Brand!" • 
Und wie aus einem Munde erschallt 
die Antwort: „Se schölt nich weg, se dürft 
nich weg, denn lat se leewers unse Stadt 
in Brand scheeten!" Auch aus der vorm 
Hause des Bürgermeisters in der nahen 
Frau Clara-Straße angesammelten Volks 
menge hallt einstimmig und gebieterisch 
derselbe Ruf, und mit einem im gleichen 
Sinne gehaltenen Bescheid des helden 
mütigen Majors Jungmann von der 
Nordschanze kehrt der Parlamentär 
schließlich auf die Schiffe zuriick. 
Es ist 4 Uhr nachmittags. 
Noch immer Schweigen. Wir Schwe 
stern gehen eben den Weg vom Christians- 
Pflegehause nach dem mit schwarzen Men 
schenmengen bedeckten Strand hinab. 
„Christian VIII." liegt unweit der Süd 
schanze auf dem von den Fischern „de Hak" 
genannten Sande fest. Deutlich sind alle 
Details nnd die an Deck und in den Ma 
sten beschäftigten Matrosen zn erkennen. 
Dicht beim Soldatenkirchhof mit seinen 
gesunkenen Kreuzen und Steinen gräbt 
sich in fieberhafter Eile die während des 
Parlamentierens vom Schnellmarker Holz 
herbeigeeilte Nassauer Batterie ein; die 
Spaten blitzen und der Sand fliegt. Plötz 
lich kommt Bewegung in die Menschen 
menge; sie wendet sich, strömt uns ent 
gegen und schreit: „Torügg, torügg, se 
scheet', se scheetst" 
Richtig! Die Parlamentärflaggen sin 
ken, die ersten Schüsse hallen wieder über 
die Förde, und wieder wird eine furcht 
bare Kanonade auf die beiden deutschen
	        

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