Full text: (1913)

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Alte Erfahrungen unti neuere Forschungen 
aus dem Gebiet der Tierernährung. 
Von Di*. Toners, Vorsteher der Landkulturstelle der Landwirtschaftskammer in Kiel. 
Ter Arbeit des Landwirtschaftslehrers, 
namentlich desjenigen, der in ständiger 
enger Fühlung mit der Praxis für deren 
Fortschritt zu streben hat, steht die leider 
noch weit verbreitete Meinung, daß in 
der Landwirtschaft Erfahrung und Wissen 
schaft, Praxis und Theorie, nicht in Ein 
klang zu bringen feien, daß sie sich sogar 
häufig widersprächen, besonders hinder 
lich im Wege. Ueber dieses Hindernis 
hilft kein wissenschaftlicher Dünkel hinweg, 
sondern lediglich das Verfahren, wie es 
schon von Sokrates geübt (Anknüp 
fung an bekannte Erscheinungen und Vor 
gänge des täglichen Lebens, an die Erfah 
rung, uni zu neuen Begriffen und Er 
kenntnissen zu gelangen) und später von 
Bacon von V e r u l a m als Grund 
bedingung jeglichen Fortschritts näher ge 
kennzeichnet worden ist. Danach ist es, 
um auch die Landwirtschaft vorwärts zu 
bringen, unerläßlich, aus dem Bureau, 
dem Laboratorium hinauszutreten und 
sich eingehend mit dem Studium der Er 
fahrung, dessen, was ist und wie es so 
geworden ist, zu befassen. Man gehe also 
zu den erfahrenen Landwirten und erachte 
es nicht für zu gering, die auf den ersten 
Blick mitunter seltsam erscheinenden Vor- 
stellungen und Ansichten auch der einfach 
sten, nicht selten tüchtigsten, Männer zu 
ergründen und zu begründen. Nur so ge 
langt man, bei gleichzeitiger verständiger 
Benutzung der wissenschaftlichen Hülfs 
mittel, mit Sicherheit zu den Schluß 
folgerungen und auf die Wege, die zur 
Auffindung des Gesetzniäßigen, der 
Theorie, führen. 
Tie Aufstellung theoretischer Grund 
sätze für die Landwirtschaft ohne Würdi 
gung der Erfahrung ist ein Unding, eine 
vollkommene Unmöglichkeit. Trotzdem hat 
die neuere Geschichte des Feldbaues, insbe 
sondere der Düngerlehre, recht auffallende 
Beispiele derartiger Unmöglichkeiten auf 
zuweisen, nicht zum Vorteil für die Land 
wirtschaft, noch weniger für das Ansehen 
ihrer wissenschaftlichen Vertreter. Auch in 
bezug auf die Ernährungslehre der land 
wirtschaftlichen Nutztiere muß gesagt wer 
den, daß, wenn auch hier die praktische 
Erfahrung stets bei allen Forschungs 
arbeiten mehr als Leiterin gedient hätte, 
längst die klare Erkenntnis wäre erreicht 
worden, deren wir uns heute erfreuen. 
Das zeigt eine kritische Betrachtung der 
Grundsätze, ^vie sie noch vor wenigen 
.Jahren in der Ernährungslehre der land 
wirtschaftlichen Nutztiere als maßgebend 
für die Praxis der Fütterung gegolten 
haben, sowie der diesem Standpunkt ent 
gegenstehenden praktischen Erfahrungen 
und Beobachtungen, namentlich aber der 
neuesten Entwicklungsstufe der Fütte 
rungslehre, aus der wiederum aufs deut- 
lichste hervorgeht, daß eine Theorie für 
den Landwirt nur dann Wert hat, daß 
überhaupt nur dann von einer Theorie 
die Rede sein kann, wenn sie sich mit der 
Erfahrung vollkonimeu deckt. 
Bezüglich der Wirkung der in den 
Futtermitteln enthaltenen Hauptnährstoff 
gruppen war bis fast in die neueste Zeit 
die Meinung vorherrschend, daß die stick- 
stoffreien Nährstoffe (besonders Stärke 
mehl, Zucker und der- verdauliche Teil der 
Holzfaser) zur Hauptsache Wärmebildner 
seien, daß dieselben also infolge ihrer Zer 
setzung im Innern des Organismus unter 
dem Einfluß des durch die Lungen mit 
aufgenommenen Sauerstoffs der Luft in 
erster Linie die zum Leben nötige Wärme 
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