Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

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den Schicksalen anderer, die offen vor mir 
dalagen, habe ich erkannt, was ich bedarf, 
und was ich erstreben und vermeiden 
muß, um auf meine Weise glücklich zu 
fein." 
„Geht jetzt," sprach der König, der sich 
immer wärnier werden fühlte, „ich werde 
an Euch denken, und schon morgen, wo ich 
Euch wiederzusehen wünsche, hoffe ich Euch 
zu beweisen, daß die Sorge für Euer Wohl 
mich beschäftigt hat." 
Christina neigte sich in schweigendem 
Gehorsam vor ihrem königlichen Gebieter; 
doch als sie noch einmal ihren gesenkten 
Blick zu ihm aufhob, und in seinen Augen 
das unverkennbarste Wohlwollen, ja eine 
Zärtlichkeit erblickte, deren Glut wie ein 
elektrischer Funke durch ihr Inneres 
zuckte, da vermochte sie nicht, so kalt und 
stumm von ihm zu scheiden, wie es die 
Ehrfurcht gebot. Sie faßte die schöne 
männliche Hand, welche das Szepter führte 
und welche Gnadenbezeugungen mancher 
Art austeilte, aber auch streng die Gerech 
tigkeit verwaltete, drückte sie mit Inbrunst 
an ihre warmen Lippen und verließ dann 
schnell, wie eine Rose glühend, das Ge 
mach, worin der König mit hochklopfen 
dem Herzen zurückblieb. 
In der ersten Viertelstunde befand 
Christian IV. sich in einer Art von Betäu 
bung, und er hatte alle Kraft des Willens 
nötig, um sich wieder zu fassen und zu 
sammeln. Denn der nicht mehr wie ein 
Jüngling schwärmende Mann, der Held, 
der das Schicksal von Millionen lenkende 
Monarch, durfte sich von den Reizen eines 
unbedeutenden Mädchens nicht aus der 
Fassung bringen lassen. Er suchte sich 
durch Geschäfte zu zerstreuen und seine 
Gedanken von dem Mädchen abzulenken. 
Doch umsonst. Sein Inneres war ganz 
von ihr erfüllt, auch selbst wenn er die Au 
gen schloß, und eine gewaltige Sehnsucht 
bemächtigte sich seiner nach ihrer Wieder 
kehr. 
Niemand ahnte die tiefe Wunde, die 
des Königs Herz empfangen, denn man 
glaubte es gegen die Eindrücke aller weib 
lichen Liebenswürdigkeit verschlossen. 
Niemand folgerte daher aus den nähe 
ren Umständen, die die Erledigung des 
Bittgesuches betrafen, die wahre Ursache 
dieser Teilnahme, denn man war es ge 
wohnt, daß der König immer erst sorg 
sam Erkundigungen einzog, ehe er Gna 
denbezeugungen oder Wohltaten erzeigte. 
Daher beantwortete man seine Fragen 
nach Christinas Verhältnissen der Wahr 
heit gemäß und zu ihrem Vorteil. 
Mit Vergnügen vernahm der König, 
der an deir^ Frauen Demut, Fleiß und 
häuslichen Sinn am höchsten schätzte, daß 
Christina die Seele ihrer Familie sei, und 
durch ihre unermüdete Ausdauer in Fleiß 
und Geduld sie bisher immer ermutigt 
und durch ihr Beispiel gestärkt und ge 
tröstet habe. 
Auch forschte er leise, ob man keinen 
Bewerber wisse, der vielleicht geneigt sei, 
ihre Hand, mit einer guten Aussteuer 
verbunden, zu einpfangen, und es tat sei 
nem Herzen wohl, zu vernehmen, daß man 
von dieser Seite allein das Mädchen ta 
deln und des Eigensinns beschuldigen 
müsse, indeni ihr strenges Betragen jede 
auch noch so redlich gemeinte Annäherung 
der jungen Männer bisher zurückgewiesen 
habe, da doch die Klugheit erfordert hätte, 
sobald als möglich an eine anständige Ver 
sorgung zu denken. 
Am anderen Morgen weckte der 
König seine Umgebung noch ehe der Tag 
graute und suchte die seinem Charakter 
eigene Ungeduld durch eine Menge 
von Geschäften zu beschwichtigen.' Aber 
vergebens. Nichts wollte ihm gelingen. 
Er dachte immer an die Stunde, wo 
Christina wieder vor ihm erscheinen würde. 
Ja, er sandte endlich, weil sie ihm zu 
lange währte, einen Boten zu ihr mit dem 
Befehle, sogleich zu ihm zu kommen. Rei 
zender noch als am Tage zuvor erschien 
sie ihm bei ihrem Eintritt, denn jede Spur 
von Beklommenheit und Angst war jetzt 
aus ihren Zügen verschwunden, und niit 
bescheidenem Zutrauen trat sie vor den 
König, der sich ihr in einen Freund ver 
wandelt hatte. 
„Ich habe Euch rufen lassen," redete 
Christian sie an, „um Euch zu eröffnen, 
daß Eure Versorgung mich seit gestern 
ausschließlich beschäftigt hat, und daß ich 
glaube, Euch jetzt einen willkommenen 
Vorschlag tun zu können." 
Fragend schaute Christina mit dem 
klaren, reinen Auge zu ihm auf, während 
das frohe Lächeln einer zuversichtlicheil 
Erwartung um ihre Lippen schwebte. 
„Ich habe einen Gemahl für Euch ge 
funden," sprach der König weiter, „dem 
Ihr mit Ruhe Euer Schicksal anvertrauen
	        

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