Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

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nicht, mir aber, als seiner Tochter, ge 
bühret es, daran zu zweifeln, und Ew. 
Majestät wird dies gewiß, unbeschadet des 
richterlichen Ausspruchs, der kindlichen 
Pflicht gestatten, die mir gebietet, in 
Liebe meines Vaters zu gedenken. Gesetzt 
indes, er wäre strafbar gewesen ■— so bin 
ich doch überzeugt, daß Ew. Majestät ihn 
in seinen unschuldigen Kindern nicht ver 
folgen werden. Seit wir den Versorger 
verloren haben, den uns die Natur zur 
Stütze verliehen, sind wir von Gott an 
Ew. Majestät verwiesen, und deshalb wer 
den Ew. Majestät die demütige Bitte nicht 
abschlagen, die um Hülfe fleht." 
„Seltsame Schlüsse," sprach der König 
lächelnd. „Also weil Tein Vater gestorben 
ist, habe ich die Verpflichtung, an seiner 
Stelle zu treten?" 
„Nicht eben die Verpflichtung," ant 
wortete Christina, „Wohl aber den hohen 
Beruf dazu, der von Gott meinem Könige 
wurde, und ich werde gewiß nicht davon 
ausgeschlossen, weil ich meines Vaters 
Tochter bin." 
Dem König gefiel der Freimut, mit 
dem das Mädchen sprach. Ihr klares 
Auge, beseelt von Hoffnungen und Zu 
versicht, erhob sich so treuherzig zu dem 
seinen, ihr schöner Mund lächelte ihn so 
kindlich an, daß seine Blicke mit Wohlge 
fallen auf ihr ruhten. 
„Alles, was ich für Dich tun kann," 
sagte er nach einer kleinen Pause, „ist, daß 
ich Dir einen neuen Versorger gebe, in 
dem ich Dich verheirate." 
Ein anfallender Ernst verdrängte den 
Frohsinn ihrer Mienen, als der König 
diese Worte sprach. 
„Das wäre gerade das letzte, was ich 
mir wünschen würde, gnädigster Herr," 
unterbrach sie ihn. 
„Wie?" sprach der König, „bist Du 
etwa eine Feindin der Männer und des 
Ehestandes?" 
„Das nicht," versetzte sie errötend, 
„aber ich glaube, Ew. Majestät Wahl möge 
wohl nicht die meinige sein." 
„So hast Du schon gewählt?," erwi 
derte der König. 
„Nur in Gedanken," antwortete sie, 
das helle Auge senkend. 
Einige Augenblicke gingen schweigend 
vorüber. Christian fühlte sein kalt ge 
glaubtes Herz durch eine immer steigende 
Wärme erfaßt. Er nahm Anteil an dein 
Mädchen. 
„Laß denn einmal hören," nahm er 
wieder das Wort, „weshalb Du fürchtest, 
meine Wahl möchte nicht die Deinige 
sein?" 
„Ich denke," entgegnete Christina ver 
legen, „Ew. Majestät würden mir einen 
Ihrer Hofleute zum Gatten geben wollen 
und mich glänzend für das Leben abge 
funden glauben, wdnn er nur jung, schon 
und reich wäre." 
„Nun, sonderbares Mädchen," fiel ihr 
der König in die Rede, „sind denn Jugend, 
Schönheit und Reichtum so große Fehler 
in Deinen Augen, daß dir das Gegenteil 
vielleicht willkommener wäre?" 
„Das nicht, mein König!" sagte Chri- 
stina, „ich fühle nur, daß, wenn ich je 
einem Manne angehören soll, ich zu ihm 
muß aufwärts schauen können, nicht ihn 
unter mir erblicken, und nimmer vermöchte 
ich dies zu einem Jüngling, der gleich 
dem frisch gekelterten Traubensaft noch im 
Brausen ist. Nicht die Torheiteir meines 
Gatten will ich beweinen — er soll die 
meinen zu verhüten wissen, indem er 
meine unerfahrene Jugend zu leiten ver 
steht und mich vor dem Straucheln be 
wahrt." 
„Ihr sprecht Weiser, als Eure Jahre 
es erwarten lassen," sprach der König 
etwas betroffen, indem zu seinem eigenen 
Befremden das herablassende Du nicht 
mehr über seine Lippen wollte. „Woher 
hattet Ihr auf Eurer kurzen Lebensbahn 
Gelegenheit zu so ernsten Prüfungen, zu 
einer so ruhigen, sonst nur, dem gesetzten 
Alter eigenen Ansicht?" 
„Die Erfahrung, mein König und 
Herr," versetzte Christina. „Nicht im 
Schoß des Glückes würde sich mir das 
Leben in seiner eigentlichen Gestalt ge 
zeigt, nicht in der Fülle des Ueberflusses 
die Wahrheiten aufgedrungen haberr, die 
ich in unbeachteter Stille wie köstliche 
Perlen mir sammelte, um damit womög 
lich meine dunkle Zukunft zu schmücken. 
Früh gewöhnt, den sorgenden Blick aus 
alle Lebensverhältnisse um mich her zu 
richten, um zu erforschen, ob nicht aus 
irgend einem eine Hoffnung für die 
Meinigen und mich hervorgehen könnte, 
hat keine Täuschung mich je in süßen 
Wahn gewiegt, sondern klar und oft schroff 
ist mir die Wirklichkeit erschienen, und aus
	        

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