Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

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empfinde als wäre mein eigenes Arbeits 
feld behütet. 
Denn nirgends wird das Menfchenherz 
mehr zu Mitgefühl bestimmt als auf dem 
Kornfelde, wo der Mensch angesichts der 
Naturgewalten sich seiner Abhängigkeit 
bewußt bleibt. Durch mein Gemüt zieht 
der Tank: 
„In wieviel Not hat nicht der 
gnädige Gott 
Ueber dir Flügel gebreitet." 
Die jungen Vögel sind flügge, die 
letzten Vogellieder in Busch und Wald 
verstummen und durch die Brust der Zug 
vögel ziehen bereits die ersten Mahnungen 
zur Reiseausrüstung, da werden die Töne 
der Natur vom schrillen Wetzen der Sense 
und bald auch der Sichel abgelöst, und 
durch die klingenden, singenden Aehren 
im Sonnenschein geht es wie eine Prophe 
zeiung des Schnitterrauschens. 
Daun eines Morgens, als die Sonne 
bereits den Tau aufleckt, erwache ich und 
sehe schon die ersten Schwaden über den 
Getreidehügel gestreckt. Die Garbenbin 
derinneu folgen im Takte lustiger Schnit 
terlieder. 
Bald bietet sich ein neuer Anblick. In 
langen, schnurgeraden Reihen liegen die 
Garben am Boden. Da fühle ich das 
Nahen des Herbstes. Sie stehen vor mir 
als stumme Prediger vom himmlischen 
Geben und irdischen Nehmen, als Zeugen 
freundlicher Güte und Treue, die seit 
Weltbegiun mit jedem Jahre sich neu er 
weist als Erhörung der Gebete uni Speise, 
als Segen des Schweißes, zur Beschä 
mung aller kleinlichen und peinlichen Sor 
gen, als Lehrer brüderlicher Wohltätigkeit 
und unsichtbarer Gerechtigkeit, die unbe 
dingt ernten lässet, was szuvor gesäet ward. 
Ein sinnender Ernteherr mag Wohl 
weise werden. 
Aber durch wieviele Hände muß nicht 
das Korn gehen, ehe es geborgen ist, wenn 
das letzte Fuder mit dem bunten, flattern 
den Erntekränze auf die^ Tenne gefahren 
ist und alle, die dabei geholfen haben, in 
lustiger Erntefeier ihr Werk beschließen. 
Draußen aber auf dem verödeten Stoppel- 
felde sammeln die Aehrenleserinnen mit 
ihren Kindern die verstreuten Aehren, ehe 
der Pflug über das Antlitz des Feldes 
führt. Wie oft müssen sie sich bücken, ehe 
ein Laib Brot zusammengelesen ist. Mit 
welcher Inbrunst müssen die des Kornes 
Kraft genießen. Wer dem Acker das Korn 
abgerungen hat, garben- oder ährenweis, 
der wird zur täglichen leiblichen Sätti 
gung auch seine Seele speisen mit höheren 
Empfindungen. Die Arbeit auf dem Acker 
und Kornfelde bildet Charaktere. - 
Kaum aber streift der Herbst seine 
Nebelschleier über die Erde, kaum sind 
wieder die Pflüge über die Felder ge 
zogen und kaum sieht man den Säemann 
wieder seinen Dienst verrichten, so ertönt 
auch schon von den Scheunen her das zu 
friedene Brummen der Dreschmaschinen, 
seltener noch das veraltete, aber viel mun 
terer klingende Klippklapp der Dresch 
flegel, und es springt risch rasch das erste 
Korn aus den Garbenschöpfen, zunächst 
zu neuem Saatkorn für den Säemann. 
Das andere aber tritt seine Wande 
rung über den Mahlstein und durch den 
Backtrog an, bis es aus dem Ofen als ge 
bräuntes, frischduftendes Brot auf dem 
Tische erscheint, um Hoch und Niedrig, 
Klein und Groß, Böse und Gute, Ge 
rechte und Ungerechte zu sättigen und zu 
stärken. 
Wo, wie bei uns, noch das alte sächsische 
Bauernhaus geblieben ist, wird das unge- 
droschene Korn vom durchziehenden Herd 
rauch gewürzt, gebräunt und gehärtet^ ehe 
es auf die Tenne kommt, und den ganzen 
Winter hindurch hört man den munteren 
Trescherschlgg. 
Aber unsere schnellebende Neuzeit läßt 
sich dazu kaum noch Geduld. Zeit ist Geld. 
Und auch nach dieser reinen Gottesgabe 
strecken Wucher und rasche Gewinnsucht 
ihre Krallen aus. Wie wenige mag es 
wohl geben, die beim Genusse des Brotes 
heute noch ans Beten und Arbeiten 
denken, wozu der Acker doch erzieht. Heute 
wiegt die Lust zu lüsternem, leckeren Ge 
nießen vor und zu mühelosem Gewinn. 
Damit aber verschwindet die Poesie aus 
dem Leben. Darum auch entvölkert sich 
das Land. 
Was fliehst du von deiner Scholle, 
mein Volk? 
Scheust du das einsame Leben oder 
verachtest du die Arbeit darauf? 
Kehre wieder, landflüchtiges Volk, aus 
den engen, dunstigen Häusermeeren auf 
die weiten, freien wogenden Getreide 
felder, und der du in die Maschinenhallen 
oder in die Schreibstube gebannt bist und 
dort bleiben mußt, ehre das Kornfeld, wo
	        

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