52
empfinde als wäre mein eigenes Arbeits
feld behütet.
Denn nirgends wird das Menfchenherz
mehr zu Mitgefühl bestimmt als auf dem
Kornfelde, wo der Mensch angesichts der
Naturgewalten sich seiner Abhängigkeit
bewußt bleibt. Durch mein Gemüt zieht
der Tank:
„In wieviel Not hat nicht der
gnädige Gott
Ueber dir Flügel gebreitet."
Die jungen Vögel sind flügge, die
letzten Vogellieder in Busch und Wald
verstummen und durch die Brust der Zug
vögel ziehen bereits die ersten Mahnungen
zur Reiseausrüstung, da werden die Töne
der Natur vom schrillen Wetzen der Sense
und bald auch der Sichel abgelöst, und
durch die klingenden, singenden Aehren
im Sonnenschein geht es wie eine Prophe
zeiung des Schnitterrauschens.
Daun eines Morgens, als die Sonne
bereits den Tau aufleckt, erwache ich und
sehe schon die ersten Schwaden über den
Getreidehügel gestreckt. Die Garbenbin
derinneu folgen im Takte lustiger Schnit
terlieder.
Bald bietet sich ein neuer Anblick. In
langen, schnurgeraden Reihen liegen die
Garben am Boden. Da fühle ich das
Nahen des Herbstes. Sie stehen vor mir
als stumme Prediger vom himmlischen
Geben und irdischen Nehmen, als Zeugen
freundlicher Güte und Treue, die seit
Weltbegiun mit jedem Jahre sich neu er
weist als Erhörung der Gebete uni Speise,
als Segen des Schweißes, zur Beschä
mung aller kleinlichen und peinlichen Sor
gen, als Lehrer brüderlicher Wohltätigkeit
und unsichtbarer Gerechtigkeit, die unbe
dingt ernten lässet, was szuvor gesäet ward.
Ein sinnender Ernteherr mag Wohl
weise werden.
Aber durch wieviele Hände muß nicht
das Korn gehen, ehe es geborgen ist, wenn
das letzte Fuder mit dem bunten, flattern
den Erntekränze auf die^ Tenne gefahren
ist und alle, die dabei geholfen haben, in
lustiger Erntefeier ihr Werk beschließen.
Draußen aber auf dem verödeten Stoppel-
felde sammeln die Aehrenleserinnen mit
ihren Kindern die verstreuten Aehren, ehe
der Pflug über das Antlitz des Feldes
führt. Wie oft müssen sie sich bücken, ehe
ein Laib Brot zusammengelesen ist. Mit
welcher Inbrunst müssen die des Kornes
Kraft genießen. Wer dem Acker das Korn
abgerungen hat, garben- oder ährenweis,
der wird zur täglichen leiblichen Sätti
gung auch seine Seele speisen mit höheren
Empfindungen. Die Arbeit auf dem Acker
und Kornfelde bildet Charaktere. -
Kaum aber streift der Herbst seine
Nebelschleier über die Erde, kaum sind
wieder die Pflüge über die Felder ge
zogen und kaum sieht man den Säemann
wieder seinen Dienst verrichten, so ertönt
auch schon von den Scheunen her das zu
friedene Brummen der Dreschmaschinen,
seltener noch das veraltete, aber viel mun
terer klingende Klippklapp der Dresch
flegel, und es springt risch rasch das erste
Korn aus den Garbenschöpfen, zunächst
zu neuem Saatkorn für den Säemann.
Das andere aber tritt seine Wande
rung über den Mahlstein und durch den
Backtrog an, bis es aus dem Ofen als ge
bräuntes, frischduftendes Brot auf dem
Tische erscheint, um Hoch und Niedrig,
Klein und Groß, Böse und Gute, Ge
rechte und Ungerechte zu sättigen und zu
stärken.
Wo, wie bei uns, noch das alte sächsische
Bauernhaus geblieben ist, wird das unge-
droschene Korn vom durchziehenden Herd
rauch gewürzt, gebräunt und gehärtet^ ehe
es auf die Tenne kommt, und den ganzen
Winter hindurch hört man den munteren
Trescherschlgg.
Aber unsere schnellebende Neuzeit läßt
sich dazu kaum noch Geduld. Zeit ist Geld.
Und auch nach dieser reinen Gottesgabe
strecken Wucher und rasche Gewinnsucht
ihre Krallen aus. Wie wenige mag es
wohl geben, die beim Genusse des Brotes
heute noch ans Beten und Arbeiten
denken, wozu der Acker doch erzieht. Heute
wiegt die Lust zu lüsternem, leckeren Ge
nießen vor und zu mühelosem Gewinn.
Damit aber verschwindet die Poesie aus
dem Leben. Darum auch entvölkert sich
das Land.
Was fliehst du von deiner Scholle,
mein Volk?
Scheust du das einsame Leben oder
verachtest du die Arbeit darauf?
Kehre wieder, landflüchtiges Volk, aus
den engen, dunstigen Häusermeeren auf
die weiten, freien wogenden Getreide
felder, und der du in die Maschinenhallen
oder in die Schreibstube gebannt bist und
dort bleiben mußt, ehre das Kornfeld, wo

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.