Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

schäftige Treiben des kleinen Völkchens 
Qu'fmerken ließ. Wie verdutzt, als überlege 
es bei sich, saß da das winkelbeinige Tier 
chen. Hopp! war es fort und fand sich 
erst nach längerem Spähen seitwärts, 
kaum vom Graugrün unterscheidbar. Wol 
len sehen, sagte ich zu meinen Kindern, 
ob sich nicht auch im Sonnenschein vor 
der Tür ihres Erdlochs eine sorgenlose 
graue Grille findet. Ihr Zirpen und Gei 
gen umtönte uns, aber sie zu finden war 
nicht leicht. Eine Hummel, der Brumm 
bär unter den Insekten, schnurrte voriiber, 
während die Schmetterlinge, die Bumm 
ler der Lüfte, bei allen Blumen einkehr 
ten, ihren aufgerollten Rüssel nippend 
in die Kelche senkten, um dann leichther 
zig weiterzugaukeln. Unter diesem Ge 
wölk bewegten sich die Käfer wie gravi 
tätische Rentner. Tief drinnen aber im 
Versteck des Kornfeldes, über welches hin 
glotzäugige Libellen schwirrten und schnap 
pende Schwalben segelten, während an 
den Aehrenspitzen der zudringliche Spatz 
die Milch aus den Körnern biß, lauschten 
Rebhuhn und Ammer. 
Nach dem Gehaben dieser Kleinwelt 
zeichnete ich die Menschen, die Gaukler 
und Springinsfelde, die Grillenfänger, 
die behäbigen Verzehrer, die Tiefsinnigen, 
die Bienenemsigen und Ameiseneifrigen, 
die Eitlen, Hoch- und Hohlköpfigen, die 
Bescheidenen und die gedankenreichen 
Einsiedler, die Herdenmenschen, die nach 
menschlicher Anerkennung haschen, und 
die Stillzufriedenen, die sich mit ihrer Ar 
beit und mit sich selbst begnügen. 
Auf einem Umwege am Rande der 
Bachwiese entlang kehrten wir heim. Ein 
weißes, geballtes Wölkchen hatte ich mit 
Besorgnis am Himmelssaum wie einen 
Unglücksvogel aufflattern sehen. Plötzlich 
gewahrte ich Bewegung in der düster wer 
denden Dunstschicht. Ein leises, schnell an 
wachsendes Erschauern glitt über das Aeh- 
renmeer. Die blaudüstere Himmelsfär 
bung schob sich zum Scheitelpunkte empor. 
Da zuckte ein Blitz, und langsam grollte 
der Donner nach. Jetzt fuhren Wirbel 
winde zwischen die Wolken wie wenn 
Wölfe in eine Herde von Schafen einbre 
chen, und hetzten die flatternden Wolken 
ballen vor sich her. 
Die schlanken Ulnien und Weiden bo 
gen sich wie Peitschen, während die starren 
Eichen unwillig ihr Haupt schüttelten. 
Jetzt klatschten und platschten schwere 
Regentropfen auf das Laub und in den 
heiß dürstenden Sand, und die drohend 
wie Riesen sich wilder wider einander 
emporreckenden Wolken lösten ihre Ladun 
gen aus oder sandten sie zur Erde hinab. 
Ringsum krachte und knatterte der Hiin- 
mel. Jetzt folgten sich Blitz und Donner 
im Augenblick: da war es über unserem 
Häuptern. Unwillkürlich duckt sich der 
Mensch und legt seine Hände ineinander, 
und die Hausbewohner drängen sich eng 
zusammen. 
Erst, als nach Stunden der Aufruhr 
der Natur sich beruhigt hat, atmet alles 
Leben erfrischt auf und schöpft die angst 
befreite Seele die gereinigte Luft ein. 
Auf den Wolken im Süden erscheint der 
Bogen des Bundes, und langsam kehrt 
der Naturfriede zurück. Der Mensch tritt 
aus dem Schutze seines Daches hervor zu 
einer Runde durch die Felder. Laub und 
Gräser tropfen, und über die Wege ziehen 
die schwarzen Schnecken ihre schleimigen 
Pfade. Aber eine Unheilbotschaft unter 
bricht die weitere Betrachtung der Natur: 
„Ein Hagelschlag hat die Feldmark heim 
gesucht!" Zerknickt und verdreht liegen 
die Halme in wirrem Durcheinander, wie 
wenn ein Unhold mit wuchtiger Peitsche 
dreingefahren wäre. Scharf abschneidend 
wie beim Sichelschnitt ist das Scblossen- 
geprassel hindurchgefahren. Je schwerer 
das Korn war, desto grausiger die Ver 
wüstung; nur die tauben Aehren stehen 
noch aufgerichtet in dem Gewirr, und wie 
vom Schrecken gebeugt schwanken tropfend 
zu beiden Seiten die verschonten Aehren- 
halme. Ein Schmerz dringt dem Betroffe 
nen durch die Brust. Ihm ist als fühle 
er die Schläge am eigenen Körper, so 
verwachsen ist der Landmann mit seinem 
Kornfelde. Aber ein Blick zum verschonten 
Giebel tröstet ihn. 
Ich eile zu dem Getreidcfeldc, das mir 
durch den täglichen BUck darauf lieb ge 
worden ist. Der Pächter steht in stummer 
Betrachtung. Zwar liegen noch die Aeh 
ren vom sckiweren Regen niedergebeugt. 
Aber die Sonne wird mit ihrer Glut 
die Tropfen ablecken und die Halme desto 
schneller bleichen und wieder aufrichten. 
Stumm reiche ich dem Kornbauer die 
Rechte zu herzhaftem Druck, der ihm ver 
sichern soll, daß ich seine Freude mit-
	        

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