Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

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Aegyptern aber galt das Korn als Sinn 
bild der Unsterblichkeit, das sie darum 
ihren Mumien in die Hand legten. Und 
Jesus, der sein eigenes Leben unter dem 
Bilde- des Weizenkorns, das in die Erde 
gesenkt wird, um durch Verwesung zum 
neuen Halme aufzuerstehen, betrachtet, hat 
die Frucht der Aehre neben der des Wein 
stocks, die beiden edelsten Gottesgaben, 
zum Abendmahl geweiht. 
Das ganze menschliche Leben liegt im 
Saatkorn vorgebildet. Kaum ist es in 
Hoffnung der schwarzen Ackerkrume an 
vertraut, so beginnt geheimnisvoll im 
Grunde ein verborgenes Regen der 
Schöpfermacht. Im milden Glanze der 
Oktoberfonne sprießt dann der Keim her 
vor, und mit weicher Decke schlitzt der 
Schöpfer es während des langen Winter 
schlafs, bis es im Frühling neu erwacht. 
Und int Frühling, „wie Feld und Au 
blinkend im Tau, perlenschwer die Pflan 
zen umher, im Sonnenstrahl singende 
Vöglein allzumal", breiten Winter- und 
Frühlingssaat ihre blaugrünen Blätter. 
Und der Säemann verfolgt mit frommer 
Andacht Keimen, Wachsen und Reifen bis 
zur Ernte. So säen wir in die Menschen 
seelen die Saaten der Erziehung und — 
falten die Hände zum Beten um Gedeihen. 
Welch eine Schönheit, wenn im Vor 
sommer ein feuchter Dunst über dem Korn 
felde ruhte, während die Wiesen rings 
herum wie weiße Nebelseen ausgebreitet 
lagen. Später im Somnlerwinde stäubte 
das Kornfeld, hob und senkte sich wie ein 
Wellenmeer, und ein Schauern zitterte 
durch die unzählbaren Halme, als ahnten 
sie die kommende Sichel: während die 
eine Aehre sich beugt, bebt die nächste mit. 
An einem herrlichen Ferientage führte 
ich meine Kinder zum Roggenfelde, um 
ihnen dessen Schönheit zu zeigen. Der 
Himmel lag ausgespannt wie.ein blaues 
Zelttuch von Saum zu Saum. Ein stil 
les Brüten lagerte über der Natur. Gol 
diger Sonnenschein hatte seit Wochen über 
der fließenden Aehrenfläche geruht, und 
die Aehre reifte im Sommersegen. Die 
Blätter an den Halmen begannen bereits 
dürre zu werden, sodaß der Blick tief ins 
Getreidefeld dringen konnte. Ich erzählte 
den horchenden Kleinen die sinnige Sage 
des Schweizervolks vom Kornkinde, das 
hilflos mit strohgelben Locken und in wei 
ßen Windeln sich auf den Aehrenspitzen 
wiegte und lächelnd die bittenden Händ 
chen ausstreckte. Dein Bauern aber, der 
Lust bekam, es heimzutragen, ward es 
unter den Händen rasch so schwer, daß er 
es nicht einmal lüften konnte. Da sang 
es ihm die liebliche Weise: „Hast wohl 
vertraut, hast wohl gebaut, gebaut auf 
Gott!" Dann war es verschwunden. 
Das da oben, sagte ich zu ihnen, wird 
zu lauter Brot. Aber wie schön ist da 
zwischen auch das Unkraut. Die rote Acker 
schnalle mischte sich unter den wiegenden 
Reigen der Halme wie eine blendend schöne 
Dirne unter das sittsame Volk. Ta fand 
sich auch die blaue Lieblingsblume der lei 
densgeprüften Königin Luise und ihres 
großen Sohnes, unseres alten Kaisers. 
Die Ackerwinde kletterte in zierlichen 
Wendeltreppen empor, um ihre weißen 
Bliiten droben neben den Aehren aufzu 
hängen. Bescheiden zu Boden gekauert 
jedoch fand sich dort eine bunte Blütenge 
sellschaft, die feinen, abgehärmten Gesichter 
des Stiefmütterchens und die blaßblauen 
Augen des Vergißmeinnichts vom Acker 
und wer weiß was für lauter weiße, blaue 
oder rotleuchtende Blütensterne. Die 
Distel am Rain schien vor Neid blasse 
Köpfe bekommen zu haben, während ihre 
Gefährtin, die stachlichte Hauhechel, am 
Boden hinschlich und das gelbe Löwen 
maul aus -aufgesperrtem Rachen seine 
Zunge ausstreckte. 
Da dachte ich an die Rede: „Lasset das 
Unkraut mit dem Weizen wachsen bis zur 
Ernte!" Auch das Unkraut erfreut durch 
seine Schönheit, aber mit seinem eitlen 
Prunke ist es im Vergleich zu dem schlich 
ten, gediegenen Korn ein überzeugender 
-Beweis dafür, daß die Welt mit ihrer Lust 
vergeht, während das still auf seinem 
Platze reifende Korn bleibt und segnet. 
Und wie ich aus dem Aehrenmeere heraus 
den Wachtelruf und dariiber das Trillern 
der aufsteigenden Lerche vernahm, erscholl 
drinnen in meiner Seele: „Lobe den 
Herrn!" 
Die Schönheit dieser Naturkinder im 
Korn reizte mich, die Hand zwischen den 
Halmen hindurchzuschieben, um für Mut- 
ters große Vase einen Feldblumenstrauß 
zu pflücken, den ich auf dem Gange durch 
die Wiesen zu vervollständigen gedachte. 
Kaum hatte meine Hand die Halme in 
Zittern versetzt, als das schreckhafte Auf 
springen einer Heuschrecke mich auf das ge
	        
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