Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

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Vom Saatkorn bis jum Brote. 
Bon E. Bruhn-Koldenbüttel. 
Ueber den brauenden Wi-esen rings 
umher erhob sich ein breiter, nach allen 
Seiten ausladender Hügelrücken, auf dem 
mein Auge fast bei jedein Blick aus mei 
nen: Arbeitszimmer ruhte, und meine 
Seele stand davor in geweihten Stim 
mungen. 
Schon ehe die Sonne die Vorhänge 
der Herbst- oder Frühjahrsnebel aufriß, 
zogen die Pflüge darüber auf und ab. Wie 
dunkle Wogen überstürzten sich die Erd 
schollen hinter der Pflugschar, und die 
Furchen dampften von frischen: Erdgeruch 
in: Morgenstrahl. 
Wie ich io den Pflüger hinter den 
schweißdampfenden, schnaubenden Rossen 
sah, die sich mit starker, breiter Brust in 
die Stränge legten und das scharfe Eisen 
durch den Boden furchten, empfing ich 
hohe Achtung vor der Arbeit. 
Und gerade die Arbeitsberührung mit 
der Mutter Erde lernte ich bei reifender 
Lebenserfahrung als bestes Mittel 
schätzen, manches ans der Art geschlagene 
Großstadtkind, an dem die Erzieherweis 
heit verzweifeli: wollte, wieder in die gute 
rechte Art zu bringen. Aus dem Schweiße, 
der auf den: Acker vergossen ward, sah ich 
viele schöne Hoffnungen hervorgehen. 
Dem Pfluge und der Egge folgte der 
Säemann. Wie ein Gottberufener. In den 
Dursack, der ihm über der Schulter hing, 
griff takt- und gleichmäßig die Rechte und 
schwang sich in weitem Halbkreise, um die 
Saatkörner mit kurzem Ruck zwischen den 
Fingern durchgleiten zu lassen, sodaß die 
braun gelblichen Körnerstrahlen sich rau 
schend in gleichinäßiger Runde ausbreite 
ten und unsichtbar werdend zur Erde san 
ken dicht bei dicht, Korn bei Korn. So 
viel beinah für den Wurf der kundige 
Griff, daß auch für die Böglein, die aus 
Busch und Baun: herbeigeflogen kamen, 
manch überflüssig Körnlein übrig war, ehe 
die hinterdreinfahrende Egge die Saut 
einstrich. 
Welch eine Würde, welch feierlicher 
Ernst, welch freies Vertrauen ruhen auf 
den Mienen des Säemanns, den: das Hin 
legen des Korns in den Schoß der Erde 
wie ein Gottesdienst gilt, den er in gläu 
biger Zuversicht, daß der Same auferste 
hen wird, verrichtet. Mit gutem Augen 
maß beniißt er nach der Breite des Wurfs 
die des Schritts und geht still und an 
dächtig die Ackerfläche auf und ab. In den: 
Gefühl, daß der unsichtbare Versorger 
seine Hand füllt und leitet, dünkt er sich 
ein Handlanger des Schöpfers zu sein, der 
:::it wenigen Körnern viele Wesen speist. 
Unwillkürlich beachtet er das Erwachen 
und Weben seiner eigenen Seele und 
denkt daran, wie auch er einst ins Erdreich 
sinken, sein Leben aber zum Segen für 
künftige Geschlechter und zu neuem Wachs 
tum aufgehen wird wie das Korn. 
Ein Priester darf der Säemann wohl 
heißen. Denn in: Bewußtsein aller Völ 
ker gilt das Korn als etwas Heiliges. 
Die Griechen dachten sich die Göttin 
der Kornfelder in goldenem Aehrenkranze, 
und die Nordfriesen die Fosata, deren Hei 
ligtum einst ans Helgoland stand, mit 
einer Aehrengarbe in der Linken, wäh 
rend die Rechte das Schlachtenbeil zum 
Schuhe für Haus ::>:d Hof trug. Bei den
	        

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