Full text: (1913)

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fion, Bekämpfung der Truste, Ausbau des 
Organisationsrechtes und Abgabefreiheit 
amerikanischer Küstenschisfe beim Pana 
makanal hat ihm neue günstige Aussichten 
eröffnet. Ob er beabsichtigt, die Neuyorker 
Polizei zu bessern, die von Spiel- und 
Lasterhöhlen Anteilzahlungen erhält und 
Zeugen, die gegen sie aussagen, rechtzeitig 
zum ewigen Schweigen bringt, ist nicht im 
Programm erwähnt. 
Japan hat am 30. Juli 1912 seinen 
lL2sten Kaiser Mutsahito verloren. In 
45jähriger Regierung hat der kluge und 
tatkräftige Herrscher aus dem uralten ab- 
gei-blossenen Feudalstaat eine moderne 
Großmacht geschaffen, die China und Ruß 
land im Kriege überlegen war und deren 
Aufstieg England und die Vereinigten 
Staaten Nordamerikas beunruhigt. For 
mosa und Pescadores, sowie die Hälfte der 
an Erdschätzen reichen Insel Sachalin 
fügte der verstorbene Mikado seinem Reiche 
hinzu, gewann freie Hand in Korea und 
scheint zuletzt noch durch geheime Ab- 
machungeii mit Rußland Japans großen 
Einfluß in der Mandschurei ausgedehnt 
und festgelegt zu haben. Der neue Mikado 
Joshihito hat europäische Erziehung er 
halten. Der deutsche Kaiser ließ sich bei 
der unter uralten Sitten vollzogenen Bei 
setzung des verstorbenen Mikado durch den 
Prinzen Heinrich vertreten, der bei dieser 
Gelegenheit Kiautschau besuchte. 
In China, im Tale des Aangsekiang, 
entstand im Oktober 1911 ein Aufstand, 
der sich mit unheimlicher Schnelligkeit 
ausbreitete und als eine eingehend und 
umsichtig vorbereitete allgemeine Revolu 
tion gegen die Mandschudynastie erwies. 
Während vor 12 Jahren beim Boxerauf 
stand die Herrschenden die Gefahr von sich 
abzuwenden wußten, indem sie die Losung: 
„Fort mit den Fremden" ausgaben, sind 
sie nun selbst dieses Mal an die Reihe 
gekommen, vertrieben und getötet zu wer 
den. Es wird dem Einfluß des Christen 
tums zugeschrieben, daß die Revolutionäre, 
die im abendländischen Sinne das Reich 
reformieren wollen, dein kleinen sechs 
jährigen Kaiser und seiner Familie die 
Flucht freigelassen haben. 
Die vorläufige Leitung der Republik 
China hat Dr. Sunyatsen in Händen, 
dem besonders der Norden des großen 
Reiches ergeben ist. Um die endgültige 
Präsidentschaft streitet unter guten Aus 
sichten mit ihm Iungschikai, ein früherer 
General der Mandschudynastie. Das neue 
Staatsoberhaupt wird noch viele Mühe 
haben, bevor es das ungeheuere Reich be 
ruhigt und die Beamtenschaft in euro 
päischer Weise geschult hat, zumal es der 
neuen Regierung, in gleicher Weise wie es 
bei der alten der Fall war, an Geld ge 
bricht. Die Fremden sind bis jetzt durch 
gängig mit aller Rücksicht behandelt, wenn 
auch die Unsicherheit im Lande selbstver 
ständlich die Geschäfte schwer schädigte. 
Daß es sich uin eine Volksbewegung im 
Sinne eingehender Umgestaltung der Sit 
ten handelt, geht aus der überraschenden 
Abnahme des Opiumgebrauches hervor, 
der auf ein Viertel seines früheren Betra 
ges gesunken ist, ein schwerer Verlust für 
die indische Ausfuhr. Dieses Erwachen der 
gewaltigen Völkermassen des chinesischen 
Reiches zum selbständigen politischen 
Leben ist von weittragender Bedeutung 
und wird bald sich in der Weltpolitik in 
steigendem Maße bemerkbar machen. 
Im August 1912 ist der 83jährige zu 
letzt erblindete General Booth heimgegan 
gen, der Schöpfer und bisherige Leiter der 
Heilsarmee. Die fast königlichen Ehren, 
die seiner Leiche erwiesen worden, waren 
nicht unverdient, wenn auch seine Frau 
die leitende Seele im Ansang der Bewe 
gung gewesen ist. Eine große Menoe Mit 
te! hat der glaubensstarke Mann zusam- 
General Both.
	        
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