Full text: (1913)

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Viel Sorge und Arbeit hat im letzten 
Jahr unserem geliebten Kaiser die äußere 
Politik gebracht. 
Wie die wahre Gesinnung der eng 
lischen leitenden Staatsmänner gegen 
Deutschland geartet ist, zeigt nicht nur ein 
fieberhaftes Rüsten, sondern auch der Um 
stand, daß am 18. September 1911 die akti 
ven Verbände der englischen Flotte in ge 
fechtsbereitem Zustand gesetzt waren, um 
die deutschen Häfen ohne vorhergehende 
Kriegserklärung zu überfallen. Nur der 
großen Mäßigung und Friedensliebe der 
deutschen Regierung sowie der Umstand, 
daß Englands Hülfstruppen den Anfor 
derungen Frankreichs nicht genügten, hat 
den blutigen Bruderkrieg vermieden. Es 
ist sicher, daß in Deutschland, wie in Eng 
land, alle einsichtigen Leute ernstlich den 
Frieden wollen, es ist aber ebenso unbe 
streitbar, daß diese friedliebenden Leute 
eines Tages vor die Tatsache eines vom 
Zaun gebrochenen Krieges stehen können 
und daß es, um dies zu vermeiden, noch 
immer für uns gut ist, vortrefflich gerüstet 
zu sein. 
Als eines der Hauptereignisse in den 
diploniatischen Kreisen wurde die Ver 
setzung des Freiherrn Marschall von Bi 
berstein als Gesandter von Konstantinopel 
nach London betrachtet. Er hat in der 
Schaffung einer englisch-deutsch-türkischen 
Gesellschaft, die den gesamten Transport 
Freiherr Marschau von Bieberstein. 
auf dem Euphrat und Tigris iibernimmt, 
seinen ersten sichtbaren Erfolg errungen. 
Zwischen Deutschland und Frankreich 
wurde das Marokkoabkommen am 4. No- 
veinbcr 1911 nnterzeichnet. Die Gebiets 
abtretungen, welche Frankreich an Deutsch 
land für Erlangung der Vorherrschaft in 
Marokko leisten mußte, betragen etwa 
300 000 Quadratkilometer und bilden der 
Hauptsache nach einen Gürtel, der sich im 
Süden und Osten um die Kolonie Kame 
run herumlegt und ihr unmittelbaren 
Zugang zum Tanganikasee und Kongo 
fluß bietet. Daß dieses Abkommen dem ab 
schließenden Ministerium Caillaux den 
Hals kostete, ist bei den französischen Ver 
hältnissen, die meistens 4 Ministerwechsel 
im Jahr erfordern, fast selbstverständlich. 
Auch ist der, französische Rachedurst durch 
die scheinbare Demütigung neu angeregt. 
Doch hat Frankreich zum Glück zunächst 
genug mit Marokko zu tun. 
In Marokko hat der Sultan Mulay 
Hafid auf Betreiben der Franzosen abge 
dankt. Seine Jahresrente von 300 000 
Franken hat er in wenigen Wochen ver 
zehrt und sitzt nun iw Marseille auf dem 
Trockenen. Doch ist dies nur die kleinste 
Sorge der Franzosen. Der neue Sultan 
von Frankreichs Gnaden Mulay Jussuf, 
vermag sich in Nördmarokko nicht durchzu 
setzen, obwohl ihm schon über 40 000 fran 
zösische Soldaten unter General Liautey 
zur Hülfe gesandt sind, in Südmarokko 
aber herrscht von den Spaniern auf alle 
Weise unterstützt der Gegensultan El 
Hiba, der Franzosen in Marrakesch fest- 
bält, ohne das ihre Landsleute sie zu be 
freien wagen könnten; denn El Hiba 
dringt mit seinen Scharen gen Norden vor. 
Mehr Verstärkungen können die Franzo 
sen aber nicht schicken, da sonst das Mut 
terland zu sehr von Truppen entblößt 
wird. 
Mit Spanien ist Frankreich über Ma 
rokko noch nicht einig geworden. Zölle, die 
Frankreich und Svanien innerhalb Ma 
rokkos erheben wollen, werden von Eng 
land und' Deutschland nicht gebilligt. 
Frankreich wird aber, da England hinter 
Svanien steht, auch hierin nachgeben 
müssen. 
Oesterrelch-llngarn hat wie immer in 
den letzte,: Jahren zu Deutschland in 
treuer Bundesgenossenschast gestanden.
	        
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