Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1913)

Habt Ihr schon einmal darüber nachgedacht, Ihr lieben Kalenderleser, wie 
sonderbar und widerspruchsvoll es ist, daß wir Neujahr mitten im Winter feiern,, 
wenn die Dunkelheit und ihr Gefolge, Sturm, Schnee und Eis, die Herrschaft haben ? 
Das ist nicht immer so gewesen. Wenn Ihr an die lateinischen Namen der 
Monate denkt, so konnt Ihr leicht erraten, wann in alten Zeiten das Neujahrssest 
begangen worden ist. „Dezem" heißt bei den Römern „zehn". Dezember ist also 
ursprünglich nicht, wie bei uns, der zwölfte, sondern der zehnte Monat gewesen, so- 
daß der März als erster gezählt worden sein muß. 
Wir können es uns auch gut denken, weshalb dieser Monat als Jahresanfang 
gesetzt war. Wenn die Natur, aus harten Winters Banden erlöst, zu neuem Leben 
erwachte, wenn mit all dem Keimen und Werden, mit der Saatzeit, ein neuer Kreis' 
lauf begann, dann war der rechte Zeitpunkt da, ein Merkzeichen in den ewigen 
Strom des Geschehens zu setzen. 
Warum das geändert worden ist? Neben einer Reihe äußerer Gründe, wie 
der veränderten Stellung des ganzen Sonnensystems im Weltenraum, ist besonders 
einer zu nennen, der eine tiefere Bedeutung in sich trägt: Die Menschen lernten er 
kennen, daß. der Grund für das Kommen der schönsten, segensreichsten Zeit des 
Jahres weit zurücklag mitten im kalten Winter. Das Fest der „unbesiegten Sonne", 
unser heutiges Weihnachtsfest, war diesem Vorgang geweiht. Das Licht schien in 
der Finsternis und die Finsternis hat es nicht Übermacht. Wenn es auch scheint, als 
ob der leuchtende Gott, seiner wallenden Locken beraubt, geblendet, die Schneewolken 
init seinem Blute rötend stirbt, ja als ob seine hehre Himmelsburg, von den Mächten 
der Finsternis erstürmt, in ungeheurem Brande zu Grunde geht, sodaß der Wieder 
schein der Brunst in grellen Nordlichtflammen über das Firmament dahinzuckt, das 
Gute stirbt nicht, das Rechte richtet sich wieder aus, Licht ist stärker als Finsternis, 
Wahrheit kann nicht durch die Lüge vernichtet werden, größer als der Haß ist die Liebe. 
Die Sonne sinkt wohl nach ewigen Gesetzen tiefer und tiefer am Winter 
himmel, aber nur um sich nach denselben ewigen Gesetzen wieder unwiderstehlich zu 
heben und am Himmelsbogen emporsteigend eine neue große Zeit auf Erden 
heraufzuführen. 
Weißt Du nun, warum '„Neujahr" einen solchen zukunktssrohen, sieghellen 
Klang hat, was uns dieses Wort verheißt? „Und dräut der Winter noch so sehr, 
es muß doch Frühling werden." Wenn Du bei dem, was recht und gut ist, bleibst, 
so muß Deine Sache, die Dein Bestes ist. den Sieg behalten, von denselben ewigen 
Mächten beschützt und getragen, die über unsere verdunkelten Lande die Sonne 
wieder leuchtend herausführen. Wer das Wort „Neujahr" mit seinem vollen Inhalt 
verstanden hat, der weiß, daß es nur eine Gefahr gibt, die uns verderblich werden 
kann, das Müdewerden, einen Fehler, den wir vor allem vermeiden rnüssen, Mut 
losigkeit. Das gilt auf allen Gebieten, für den Kampf des Daseins, den die 
Einzelnen, wie die ganzen Völker zu führen haben, für Politik wie Religion, für 
Dein äußeres, wie vor allem für Dein inneres Leben. Die Zeiträume, in denen 
sich der Wechsel vollzieht, können je nach dem, darum es sich handelt. Jahrzehnte, 
ja Jahrhunderte umfassen, aber lver ausharrt bis ans Ende, bleibt Sieger. Man 
klagt in unseren Tagen über die Stürme, die die Zeit durchbrausen, über die Macht 
des Umsturzes, des Unglaubens und der Finsternis. Kennt Ihr Klagenden die 
ewigen Gesetze nicht, daß Sonnenwende in den dunkelsten Teil des Jahres fällt. 
Predige uns Neujahr, vom Siege des Guten, verkündige uns die Heldenlaufbahn 
der Ausharrenden, rede zu uns von dem „unbesiegten Lichte". 
Vcr Kalenüermann.
	        

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