Volltext: Hauskalender für den Kreis Plön (1912)

so 
brechen. Bei keiner Gilde dürfen sie feh 
len, Grete Brumm ist noch immer die lei 
denschaftliche Tänzerin, und auch die Vor 
freude des „Ausbuschens" der Gildediele 
läßt sie sich nicht nehmen. Welch eine Fest- 
stimmung, wenn am Tage vor der Gilde 
seier die Wagen voll grünem Buchenbusch 
aus dem Bergeichusener Gehölz kommen, 
wenn sie alle Wände und die Decke damit 
auskleiden und die Lehmdiele festlich mit 
weißem Sand und grünem „Liesch" be 
streuen! — 
Doch dann beginnt die neue, aufge 
regte Zeit hereinzubrechen, bis ins stille 
Treenetal dringen die blau-weiß-roten 
Kokarden und Fahnen. Die Bauern brin 
gen vom Stapelholmer Jahrmarkt bunte 
Taschentücher mit, die mit dem Schleswig- 
Holstein-Liede und einer von Wogen um« 
brandeten Doppeleiche bedruckt sind; und 
der Landinspektor Tiedemann von Johan 
nisberg drüben reist von Dorf zu Dorf, 
um durch kernige, einschlagende Reden das 
patriotische Feuer im Volksgemüt des 
phlegmatischen Landvolkes zu entfachen. 
Und dann kommt der Krieg mit all 
seiner Begeisterung und Hoffnung, seinem 
Unglück und seiner Enttäuschung. Da 
müssen hohe Kriegssteuern bezahlt werden, 
da gibt es Einquartierung und Fuhre 
über Fuhre, doch wie alle schleswig-hol- 
steinischen Bauern tragen auch Brumms 
willig ihren Teil sür's Vaterland. Es 
kommt der Herbst 1850 und mit ihm die 
Tage von Friedrichstadt. Das ganze 
Treenetal bildet einen von den Dänen zu 
ihrem Schutze künstlich angestauten mäch 
tigen See, dessen äußerster Saum noch 
die Dorfstraße überspült, so daß die vor 
beimarschierenden Soldaten mit hochge 
hobenem Seitengewehr durchs blanke Was 
ser waten. 
Unaufhörlich rollt der dumpfe Kano 
nendonner herüber, und nachts spiegelt sich 
der vom Widerschein der brennenden 
Stadt blutig-rot gefärbte Himmel auf den 
Fluten. Dann stehen Brumms und die 
Nachbarn vor ihren Katen, mit stillem 
Grauen westwärts blickend. Ja, das sind 
ernste Zeiten .... 
_ Doch auch sie ziehen vorüber, und 
wieder geht eine Reihe von Jahren im 
alten Einerlei dahin. — Dann kommt das 
Jahr 1864 und wieder hallt der Kanonen 
donner und das Krachen gesprengter 
Brücken in das Treenetal hinüber. 
Und dann 1870/71. Mutter Brumms 
einziger Junge — die Tochter, das älteste 
Kind, hat Brot und Heim in Amerika ge 
funden — muß mit nach Frankreich ins 
Feld ziehen. Der Himmel beschützt ihn, ge 
sund und munter kommt er wieder. 
Wie schnell, wie traumhaft schnell das 
Leben dahinfließt! Kaum weiß man, daß 
man da ist, und schon wird man alt, naht 
das Ende. 
1881 schließt Brumm seine Augen, 80 
Jahre alt, und einige Jahre später zieht 
Mutter Brumm mit ihrem Sohn und 
dessen Familie in eine neue Heimat, — 
nach Klein-Rheide, wo sie durch einen 
glücklichen Zufall für wenig Geld eine 
schöne Bauernstelle gekauft haben. 
Da sieht die Alte, daß der Herrgott 
der ihren gedacht hat — welch ein Unter 
schied, aus der alten engen Bünger 
Räucherkate in das geräumige stattliche 
Bauernhaus. 
Zwei Jahrzehnte noch darf die Alte sich 
des neuen Heims erfreuen, dann zieht sie 
mit ihren Kindern in das neue kleine Ab 
nahmehäuschen — die dritte Generation 
kommt auf der Bauernstelle ans Ruder. 
_ Da sitzt die Alte nun, von Kindern und 
Kindeskindern gehegt und gepflegt, in 
ihrem großen Lehnstuhl am Ofen und kann 
nicht begreifen, daß alles schon so unfaß 
bar lange her und sie so furchtbar alt ge 
worden ist. Längst ist der letzte Bekannte 
aus den fröhlichen Jugendjahren unten in 
„de Büng" nach dem Kirchhof gebracht 
worden. „Awers ick bin alleen öwer 
blewen, mi hett unse Herrgott wull ver- 
geten", meint die Alte. 
„Nein, Mutter Brumm, das glaube ich 
nicht; wem er 100 Lebensjahre voll ker 
niger Gesundheit verliehen hat, mit dem 
hat er es gut im Sinne!"
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.