Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1912)

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der Dörns auf der Dorfstraße wilde, strup 
pige Kerle durch den tiefen Schnee waten. 
„Kosaken," schreit die Mutter und ver 
birgt die Kleine im Alkoven, bis die Ge 
fahr vorüber ist. — 
Grete Nissen wird konfirmiert und 
kommt weit weg — nach Kleinsee —, um 
bei dortigen Verwandten das Weben zu 
lernen. Hier muß sie hart arbeiten, aber 
sie fehlt auch bei keinem Tanze. Hei, wie 
die Deern tanzen kann! Kein Tanz ist ihr 
zu lang, von keinem Tänzer läßt sie sich 
müde machen, nur einmal muß sie vor 
einem unheimlichen laugen Kerl, der es 
darauf abgesehen hat, die Waffen strecken. 
Jahre vergehen, Grete Nissen hat schon 
bei verschiedenen Bauern gedient, und sie 
ist schon an die Dreißig — mit dem Hei 
raten ließ man sich dazumal mehr Zeit als 
heutzutage. 
Da kommt sie bei einem Bauern in 
Bünge in Dienst, und hier lernt sie den 
Großknecht Jörn Brumm kennen. 
Die beiden gefallen einander sofort, 
aber es vergehen noch Jahre, bis sie sich 
kriegen: Grete Nissen kann sich so schwer 
entschließen, Abschied von ihrer goldenen 
Mädchensreiheit zu nehmen. 
Doch schließlich wird ihrem Jörn die 
Zeit zu lang. 
AIs er eines Abends, den Brösel im 
Munde, plaudernd mit ihr am Heck steht, 
wird er energisch: 
„So, Greten, nu will ick weeten, woran 
ick bin; wullt Du oder wullt Du nich?" 
Und nun muß Grete wohl oder übel Ja 
sagen, und sie sind „versprochen". 
. Als Brautpaar trinken sie auf einer 
Gilde zum ersten Mal ein neues, braunes 
Getränk — Kaffee. 
Es schmeckt den Frauensleuten gleich 
ausgezeichnet, und der alte Hans Thies 
warnt die Männer: 
„Paß op, unse Frunslüd kamt noch ewen 
so dull an'n Kaffee, as wi an Käm un 
Beer!" 
So schlimm ist's nicht geworden, aber 
treugeblieben sind sie dem braunen Trank 
alle. — 
Nun mußte ja ans Heiraten und was 
dazu gehört gedacht werden. Obgleich Jörn 
Brumm als Großknecht nur 24 Taler jähr 
lich und Grete kaum ein Viertel von dem 
verdient, haben sie sich eine für jene schlech 
ten Zeiten gute Summe Geldes überge 
spart, sodaß sie einen kleinen Bauernhaus 
halt gründen können. War das Geld 
knapp, so war auch alles um so viel billi 
ger dazumal; eine Kate kauften sie für 
400 Mark, eine Kuh für 12 Tlr., und Land 
wurde ihnen fast umsonst angeboten; sie 
mußten sich aber hüten, zu viel davon zu 
bekommen, denn die Lasten darauf waren 
geradezu unerschwinglich. 
Brumm, ein Tagelöhnersohn, war in 
den allerärmsten Verhältnissen jener kar 
gen Zeit groß geworden. 
Kam er im Winter des Mittags aus 
der Schule — den Sommer über spielte 
er Hütejunge —, dann war er seelenver 
gnügt, wenn er sich an trockenen Kartof 
feln sattessen durfte. Doch nicht einmal 
davon hatte man immer genug. Und als 
er eines Mittags während des Essens auf 
die Straße gerufen wurde, und seine kleine 
Schwester die Gelegenheit wahrnahm, 
seine Kartoffeln mitaufzuessen, da wollte 
er am Nachmittag nicht mit seinem leeren 
Magen zur Schule. Er verkroch sich in 
einer Torfhütte am Drecksee, wartete ab, 
bis seine Kameraden wieder aus der 
Schule kamen, und ging nun, als ob er 
auch daher komme, mit ihnen zusammen 
nach Hause. Aber sein Vater hatte schon 
von seinem „Schullaufen" erfahren, und 
nun gab es zu der verlorenen Kartoffel- 
mahlzeit auch noch eine tüchtige Tracht 
Prügel. — 
Als er konfirmiert wurde, konnten seine 
und auch die Eltern der meisten anderen 
Konfirmanden in ihrer Armut kein neues 
Zeug beschaffen; da mutzte denn der Kon- 
sirmationsanzug zusammengeborgt wer 
den; in diesem Hause ein alter langschößi- 
ger Festtagsrock, in jenem eine Kose, und 
im dritten ein alter hoher Noteimer. So 
ging es pr Kirche. — 
Nun, er hat mit seiner Grete zusam 
men bessere Jahre als zu Hause in seiner 
Knabenzeit verlebt. Brachte ihnen das 
Leben kein sonderliches Glück, so brachte 
es auch kein sonderliches Unglück. Gleich 
mäßig, wie unter den übrigen Strohdä 
chern von Bünge, fließen auch unter dem 
ihren die Jahre dahin. 
„Kinneibeer", Stapelholmer Markt und 
Gilde sind neben den übrigen paar Feier 
tagen des Jahres die Vergnügungen, die 
das ewige Einerlei der Arbeit unter-
	        

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