Volltext: Hauskalender für den Kreis Plön (1912)

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Januartage des Jahres 1814, als er 
wieder durch den frischgesallenen Schnee 
nach Brekendorf stapfte. Draußen in der 
Katenstelle hatte er sein Pferd noch immer 
unentdeckt und unversehrt vorgefunden, 
und nun wollte er seinen Eltern im Dorfe 
einen kurzen Neujahrsbesuch abstatten. 
Auch Brekendorf lag voller Kosaken; 
die ganze Dorfstraße entlang flackerten 
ihre oft von geraubten Scheunentüren und 
Wagen gespeisten Feuer, um die hinge 
streckt sie ihre Mahlzeit kochten, die Wodki- 
flasche kreisen ließen und ihre fremdarti 
gen traurigen Lieder sangen. Vater ging, 
nichts böses ahnend, an ihnen vorüber, 
als plötzlich ein wildbärtiger, ihm plötzlich 
in den Weg tretender Kosak ihm mir 
nichts, dir nichts die Pfeife aus dem 
Munde ritz. Von einer besinnungslosen 
Wut ergriffen, packt Vater den Räuber mit 
beiden Fäusten und wirft ihn über eine 
aus einer Lohtür ragende Wagendeichsel, 
daß diese krachend niederbricht. In dem 
selben Augenblick kehrt auch schon seine 
Ueberlegung zurück, aber zu spät, denn 
schon sausen die Kantschus der Kosaken auf 
ihn herab, und er ist ti)r Gefangener auf 
Gnade und Ungnade. Eine Weile halten 
sie erregte Beratung, wobei fortwährend 
zornige Blicke auf ihren Gefangenen fal 
len, dann wird aus dem nächsten Bauern 
hause ein bespannter Wagen requiriert, 
Vater muß aufsteigen, und einen Kosaken 
als Kutscher auf dem „Siddelbrett", einen 
zweiten zu Pferd als Bedeckung neben dem 
Wagen, wird er westwärts aus dem Dorfe 
gefahren. Welchem Schicksal entgegen, 
wag er sich nicht auszumalen,. und er 
wacht sich bittere Vorwürfe, sein Schick 
sal selbst verschuldet zu haben. Ja, denkt 
er, wenn nicht ein Wunder geschieht, bist 
btt verloren; du hast ja auf Feldscbeide 
gesehen, wie die Kofaken mit einem 
„Spion" verfahren, und was werden sie 
nun gar erst mit Dir aufstellen, der sich 
an einem der ihren vergriff? 
Du darfst nicht in ihren Händen blei 
ben, du mußt versuchen, zu entkommen: 
gelingt es Dir nicht, kann dein Schicksal 
doch nicht viel schlimmer werden, als wie 
es ohnehin würde. 
And nun steht meines Vaters Plan 
fest. Als sie eine Weile später an einen 
schmalen, sumpfigen Wiesenstreifen kom 
men, der durch einen Bach von einem wei 
ten Torfmoor getrennt wird, gibt er den 
Kosaken zu verstehen, daß er notwendig 
vom Wagen herunter müsse, und die Ko 
saken halten wirklich und lassen ihn ab 
steigen. 
Kaum ist er aber hinterm Walle, als 
er in mächtigen Sätzen auf den nur ihm 
bekannten, vollständig unterm Schnee ver 
borgen liegenden, durch Wiese und Bach 
führenden „Stabbsteinen", die im Herbst 
und Winter hier den einzigen passierbaren 
Steg bilden, ins Moor hinübersetzt, wäh 
rend das Pferd des Kosaken bereits nach 
wenigen Schritten bis an die Brust im 
quelligen, moorigen Wiesengrund versun 
ken ist. Wütend wirft der Kosak dem 
Flüchtling seinen Säbel nach, der keine 
zwei Schritte von ihm ins Moor fliegt, 
fo daß er ihn im Weiterrennen ergreifen 
und mitnehmen kann. 
Und nun ist es, als ob unser Herrgott 
selbst meinem Vater helfen wolle, denn 
plötzlich steigt ein dichter Nebel auf, der im 
Augenblicke Moor und Wiese, Feldweg, 
Wagen und Kosaken vollständig verhüllt 
und in dessen Schutz Vater zwischen 
schwarzen Moorkuhlen, welken, verschnei 
ten Heide- und Binsenbülten, dunklen 
Torfkloten- und Ringeln hindurch wei 
ter durchs Moor stapft, bis er sich in 
der Nähe einer Anhöhe atemlos in einen 
Sandgraben niederwirft. Da hört er durch 
die Stille in der Ferne das Blasen der 
Signalhörner, das Gewieher der Pferde 
und die fremden Rufe der Kosaken, aber 
keine Reiter steigen ab, um das Moor zu 
durchsuchen, es ist ihnen, die es nicht ken 
nen, noch dazu im dicken Nebel zu groß 
und gefahrvoll. Und dann bricht der frühe 
Winterabend herein, und es wird stiller, 
bis schließlich in weiter Runde kein Laut 
mehr zu hören ist, als der unheimliche 
Schrei einer Eule und das Bellen eines 
Hundes in ferner Heidekate. Nun steigt 
Vater halberfroren aus seinem Sand 
graben heraus und schreitet weiter nord 
westlich, bis ihm durch'Nacht und Nebel 
die Lichter eines kleinen Heidedorfes ent 
gegenschimmern. Es ist Böklund, wo er 
bei einem alten Bekannten freundliche 
Aufnahme findet. Fast 14 Tage lang muß 
er hier ein beschauliches Leben auf dem 
Heuboden führen, denn fast täglich lassen 
sich Kosaken in der Nähe sehen, vor denen 
er sich verborgen halten muß. Eines Nach
	        

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