Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1911)

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In atemlosem schweigen lauschte die 
Menge allen Strophen; Begeisterung 
leuchtete aus den Zügen aller, und über 
Johann Peters kam es wie Rausch und 
Taumel. 
Brausend verhallten die letzten Ak 
korde. Einen Augenblick noch verharrten 
die Zuhörer in Schweigen. Dann plötz 
lich brach ein Beifallssturm los — don 
nernd und nicht enden wollend; Böller 
schüsse erkrachten dazwischen, und wieder 
und wieder erbrausten die Hochs und die 
Hurras auf das Lied und seine Sänger. 
In diesem Augenblick hat Johann Pe 
ters zum erstenmal vor Begeisterung wei 
nen müssen. 
II. 
Es war in der alten Heidestadt Lüne 
burg, im Frühjahr 1848. 
In einer alten, lindenumstandenen 
Kirche stand ein junger Maler auf einer 
Leiter, langsam und sorgfältig ein hohes 
Kirchenfenster bemalend. Die Frühlings 
sonne füllte den weiten, stillen Raum mit 
ihrem lichten Scheine, draußen vor dem 
Fenster standen die Linden im ersten 
grünen Schimmer, und oben auf dem 
Kirchendache lärmten die Stare. — 
Johann Peters ließ den Pinsel ruhen; 
nein, es wollte ganz und gar nicht mehr 
mit der Arbeit, wi» lieb sie ihm auch war. 
Immer wieder mußte er an die Heimat 
denken, wo der Kampf jetzt begonnen 
hatte. Ach, mußte das ein Leben fein da 
oben, und er war nicht dabei! — 
Leise sang er ein Freischäclerlied vor 
sich hin: 
„Reich mir die Büchse von der Wand, 
Die lange schon geruht. 
Für Schleswig-Holstein stammverwandt 
Verspritz ich gern mein Blut." 
Tag für Tag hatte er dem Meister ge 
sagt: „Ne, Meister, ick kann nich länger 
hliwen, ick mutt de Arbeid opgewen un na 
Sleswig-Holsteen rop!" 
Und immer wieder hatte der Meister 
ihn gebeten, doch noch zu bleiben, bis die 
Arbeit fertig wäre; er fände so schwer 
einen tüchtigen Gesellen wieder, dem er 
solch eine Arbeit anvertrauen könne. 
Eigentlich wollte auch Johann Peters 
selbst die Arbeit gern fertig abliefern, er 
empfand Befriedigung daran; das war 
doch einmal etwas anderes, schöneres, als 
Decken und Firmenschilder zu malen. Er 
hatte nachgedacht: acht, höchstens zehn 
Tage konnte die Arbeit noch dauern. 
„Jo, Meister, denn bliew ick, bet dat 
Finster ferdig is, awers keen Dag län 
ger!" — 
Irgendwo in der Stadt erklang Mu 
sik; zuerst halb verweht, dann klarer und 
lauter. Näher und näher kam sie; es 
mußte die Wachtparade sein — in der 
Nähe der Kirche lag der Paradeplatz. 
Richtig, da kam sie schon um die Ecke; 
voran eine große Schar von Kindern, Lehr 
burschen und Dienstmädchen, dann die 
Musiker mit ihren blinkenden Instru 
menten, Helmen und Knöpfen. 
Der dicke Bataillonstambour hob den 
Tambourstock, die Musik schwieg, und 
einen Augenblick hallte nur das schwere 
taktfeste Aufschlagen der Schritte. Da, 
gerade als sie vor der Kirche waren, setz 
ten die Musiker die Instrumente wieder 
an, der Bataillonstambour hob wieder 
den Stock, und schmetternd erklang: 
„Schleswig-Holstein, meerumschlungen, 
Deutscher Sitte hohe Wacht ". 
Johann Peters hätte fast den Pinsel 
fallen lassen. Wie berauscht lehnte er sich 
gegen die Leiter und sog, die Hand vor 
Augen, die teuren Klänge in sich ein. Er 
hätte hinunterspringen und den ersten 
besten Musiker umarmen können; im 
ersten Augenblick wußte er wirklich nicht, 
was er tat und was er wollte. Doch dann 
wußte er es plötzlich; nach Schleswig- 
Holstein wollte er, zu den Freischaren 
und keinen Tag länger warten. Mochte 
sein Meister bitten so viel er wollte, 
mochte das Fenster ewig bleiben, wie es 
war; nur eins ging ihn jetzt noch etwas 
an: Schleswig-Holstein. — 
Am Morgen des nächsten Tages, des 
Ostersonntages 1848, ging Johann. Pe 
ters in seinem besten Rock zur Kirche. Er 
wollte beten und noch einmal sein Werk 
sehen; sein Herz war voll Osterstimmung 
und Andacht, wie seit Jahren nicht mehr. 
Am Nachmittag nahm er Abschied vom 
Meister und von befreundeten Gesellen. 
Da war so manches wackere junge Blut 
darunter, das gar zu gern mitgegangen 
wäre; vor allem des Meisters Lehrling, 
der Sohn eines Hannoveranischen Unter-
	        

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