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Nun stürmen die Hottentotten, die
Unsrigen müssen weichen. Mit Hurra
stürzen die Witbois auf die Geschütze.
In diesem kritischen Augenblick zieht
der Unteroffizier Kröger ab, und 24
Schwarze liegen, von der Kartätsche zer
rissen, am Boden.
Der schwerverwundete Leutnant Sem
per stürmt vor mit den Worten: „Ich will
bei meiner Kanone sterben!" Er kommt
noch zur rechten Zeit, um das allein ste
hende Geschütz abzuziehen.
Der Angriff stockt, die Hottentotten
gehen zurück. Da erhält Semper einen
Schuß in den Oberschenkel. Noch im Ster
ben, dicht hinter dem Lafettenschwanz lie
gend, kommandiert er: „Mit Kartätschen
geladen — Feuer!" Als der Kanonier
nicht gleich abzieht, weil das Geschütz beim
Rückläufen Semper überfahren muß, ruft
dieser: „Zum Donnerwetter, ziehen Sie
ab, ich bin doch gleich tot!" —
Aehnlich schlimm stand es bei den ande
ren Teilen der Abteilung.
Endlich gegen Abend kam ein Mann
und brachte einen Wassersack, zur Hälfte
gefüllt mit einer dicken, schlammigen
Masse.
Seit 48 Stunden wieder Wasser!
Die Leute waren unsinnig vor Freude.
Ueber 50 Verwundete wurden in der
Nacht dicht nebeneinander untergebracht,
die Toten ohne Zeremonie bei den Wagen
begraben.
Endlich am 4. Januar wurde der
Sturmangriff befohlen. Mit Aufbietung
der letzten Kraft stürzten sich die Kompag
nien unter Hurra auf den Feind, der ein
heftiges, aber ungezieltes Feuer abgab,
dann aber nicht mehr zu halten war.
Die Eroberung der Wasserstelle ging
wie ein Lauffeuer durch die Abteilung.
Trotz Gewehr- und Geschützfeuer hörte
man deutlich die Leute den Choral singen:
„Nun banket alle Gott!"
So kam das tiefe Gemüt der deutschen
Krieger zum Durchbruch, und der Mund,
der unter den gewöhnlichen Anstrengun
gen des Tages das Singen verlernt hatte,
öffnete sich bei der Erkenntnis der Erret
tung aus furchtbarer Not zum Preise
Gottes.
Die Eingeborenen hatten, wie alle
Steppenbewohner, sehr scharfe Augen.
Darum war es ein Gebot der Notwendig
keit, daß die militärischen Vorgesetzten
tunlichst alle Abzeichen und Ausstattungs
gegenstände entfernten, an welchen ihre
Charge zu erkennen war. So verschwan
den bei den Offizieren die Achselstücke und
der Säbel, und sic trugen, wie die Mann
schaften, als Waffe das Gewehr. Nur an
dem Schnitt der Röcke und der Stiefel
war der Offizier zu erkennen.
Der Hauptmann B. zog mit sechs Rei
tern nach erhaltenem Befehl durch die
Buschsteppe, um sich nach dem Hauptquar
tier zu begeben. Auf einer kleinen Karre
befand sich bas Gepäck und die Verpfle
gung. Um das müde Tier zu schonen,
war B. abgestiegen und ging dem kleinen
Trupp etwa 100 Meter voraus. Da kam
eine Transportkolonne entgegen: vorn
ritten Unteroffiziere mit blitzblanken Uni
formen und frischem, gelbem Lederzeug —
afrikanische Neulinge.^B. trug seinen
schmutzigen, geflickten Soldatenrock, einen
Patronengurt und bas Gewehr, zerrissene
Stiefel und einen Hut, der jede Form ver
loren hatte. Gesicht und Hände waren
trocken, fast ledern, von Dornen gezeichnet
und mager. Mißbilligend sahen bie Un
teroffiziere ihren Mann prüfend an. Einer
beehrte ihn schließlich mit einer Ansprache
und inquirierte:
„Wo kommst Du her?"
„Ich komme von Otjosasu!"
„Ist das noch weit?"
„Etwa 3 Treibstunden mit dem Trans
port."
„Wo willst Du denn hin?"
„Zum Hauptquartier nach Oka
handja."
Der Andere setzte das Verhör fort:
„Warst Du vorn bei einer Abteilung?"
„Ja, ich war bei der Abteilung Estorff
im Sandfeld!"
Das schien ihnen schon besser zu ge
fallen: nun fragte der Hauptmann den
einen:
„Wo kommst Du denn her?"
Einen Augenblick sprachloses Erstau
nen, dann kam die pikierte Antwort:
„Ich? Ich konime von Okahandja!
Aber sag mal, seit wann sagst Du zu
einem Unteroffizier „Du"?"
„Seit wann sagst Du zu einem Offi
zier „Du"?"
Ungläubige, zweifelnde Gesichter, dann
die aus verlegener Ueberraschung gebo
rene Frage:

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