Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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An jeder Abteilung konnte der Feind 
auf 500 Schritt Entfernung unbemerkt 
vorbeiziehen. So kam es nicht zu einer 
durch vollständige konzentrische Durch 
dringung des Geländes ermöglichten 
Schlacht, sondern zu einer Reihe von Ge 
fechten, welche die einzelnen Abteilungen 
allerdings in der Tendenz gegenseitiger 
Unterstützung, zu bestehen hatten. 
In der Nacht vor dem Kampfe brannte 
kein Feuer, doch mancher sah noch vom 
Lager im Busch nach den wenigen Sternen 
und ließ sein bisheriges Leben, sein künf 
tiges Hoffen und Wünschen im Geiste an 
sich vorüberziehen. 
Für den Kampf standen bereit 96 Offi 
ziere, 1448 Gewehre, 30 Geschütze und 12 
Maschinengewehre. 
Wir begleiten die Abteilung Mühlen 
fels, bei der sich der Oberkommandierende 
v. Trotha mit dem Stabe befand. 
Nachts 2 1 4 Uhr geschah der Ausbruch. 
Unter dem Marsche brach allmählich der 
Tag an und glutrot stieg der Sonnenball 
über dem Horizont empor. 
Die Abteilung kam an ein sandiges 
Rivier (Flußbett, aber ausgetrocknet) und 
bog rechts aus Hamakari ab. 
Gegen Osten hörte man Kanonendon 
ner, bald auch nördlich: die Kolonnen 
Heyde und Deimling waren an den Feind 
geraten. 
Mitten auf der Pad liegt Frauen 
schmuck aus Bleiringen, auch ein Kinder 
schuh, der Chef uebt ihn auf. 
Hauptmann Bayer hat das Kriegstage 
buch zu führen. Er nimmt den Bleistift 
zur Hand, um etwas zu notieren, ■— es ist 
834 Uhr — da fällt im Busch ein Schuß, 
und sofort setzt heftiges Feuer ein. Wohl 
30 Geschosse sausen zischend, surrend und 
pfeifend über die Köpfe hinweg. 
Alles springt vom Pferde. Da ist es 
nun endlich, das langersehnte, seit Mona 
ten vorbereitete Entscheidunasgefecht. 
In der Schützenlinie gibt es schon 
schwere Verluste. Maschinengewehre wer 
den dorthin getragen. Die Wittbois und 
die 11. Feldkompagnie haben fast aleich- 
zeitig heftiges Feuer erhalten, als sie sich 
den vordersten Wasserlöchern von Lama- 
kari näherten. 
Die 10. Kompagnie verlängert rechts. 
Der linke Flügel stürmt bis zu den 
Wasserlöchern vor, kommt dabei aber in 
ein mörderisches Feuer von drei Seiten. 
Hauptmann Ganser bricht tot zusam 
men, auch Leutnant Leptow und zwei 
Mann fallen, Oberleutnant Streccius und 
mehrere Reiter werden schwer verwun 
det. Die 11. Kompagnie hat keine Offi 
ziere mehr: man muh zurück bis zur 
Linie der 10. Kompagnie, wo die Ueber- 
lebenden wieder halten und sich nieder 
werfen. 
Auch die 10. Kompagnie leidet sehr 
unter dem feindlichen Feuer aus einer 
Gruppe von Pontoks (Hütten der Einge 
borenen). Zwei vorgeschobene Geschütze 
werfen aus 250 Schritt Schrapnells, dann 
dringt durch eine Lücke der Dornenum 
zäunung mit Hurra der Zug Strödel 
und verjagt den Feind. Das Gefecht steht. 
Ein neuer verlustreicher Sturm auf 
die Wasserlöcher muß vor dem Eintreffen 
von Verstärkung unterbleiben. 
Eine Hiobspost bringt ein daherstür 
mender Reiter betreffs der 11. Kompag 
nie. Ter Chef wechselt in eisiger Ruhe 
einige Wort mit dem Oberkommandie 
renden. 
Weitere Maschinengewehre werden nach 
vorn geschickt. Sie beginnen ihr Feuer; 
einem Durchbruch des Feindes ist gewehrt. 
Aber der linke Flügel gerät mehr und 
mehr in die Gefahr, umgangen zu wer- 
den. Pferdehalter, Schreiber und Ordo 
nanzen müssen ihn in zurllckgebogenem 
Winkel verlängern, denn die letzte Re 
serve, die 9. Kompagnie, muß auf dem 
rechten Flügel bleiben. 
Die Signalstation auf dem Waterberg 
meldet ein langsames Vorrücken der Ab 
teilung Heyde; man rechnet jetzt auf ihr 
Eintreffen. 
Weitere günstige Meldungen gehen 
über die Abteilungen Deimling und 
Estorsf ein. 
Die Lage der Abteilung Mühlensels 
verschlimmert sich aber immer mehr. Auch 
die letzte Reserve muß eingesetzt werden. 
Offiziere und Mannschaften des Haupt 
quartiers beteiligen sich am Feuergesecht. 
Immer noch keine fühlbare Annähe 
rung der Abteilung Heyde! Es wird nach 
gerade bedenklich, noch länger zu warten. 
Vor dem Dunkelwerden müssen die Was- 
lerlöcher in unserem Besitz sein, sonst ver 
dursten Menschen und Tiere. Man muß 
sich zum neuen Angriff entschließen. 
In diesem Augenblick nähert sich über 
der kämpfenden Truppe -ein ungeheurer
	        

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