Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

74 
nahm der Reiter aus den Sarteltaschen 
das wenige, was er noch besaß, vielleicht 
ein Beutelchen mit Reis oder ein Stück 
Wäsche und stapfte keuchend und schweiß 
bedeckt durch den tiefen Sand. 
Wo man auf dem Marfche einen Rest 
von Wasser fand, war es verpestet von den 
Leibern der Rinder, die von Durstqualen 
gefoltert, sich in die Wasserlöcher gestürzt 
hatten. 
Bei einem Wasserloch saß ein etwa vier 
Jahre altes Hererokind. Ein Schutztrupp- 
ler meinte: „Ta müsse mer dem Kindle 
halt e Mutter suche." Und so geschah es. 
Einige Reiter brachten aus den Büschen 
eine alte Hererofrau, ein verhutzeltes, ver 
schrumpeltes Weibchen, dem sie das Kind 
auf den Schoß setzten. Dann wurde eine 
Milchziege herbeigeholt, ein sachkundiger 
Reiter melkte, und das schlappe Euter gab 
etwa einen Viertel Becher voll; den gab 
er dem Kinde, band der Ziege einen Strick 
um den Hals und steckte diesen dem He- 
reroweib in die Hand. Die Leute freuten 
sich mit der über das ganze Gesicht lachen 
den Hererofrau. Das geschah während 
einer Marschpause. 
Als der Abend kam, war der Feind 
nicht erreicht, Wasser nicht genug ge 
funden. 
Die Nacht brachte die gewöhnliche Kälte. 
Der Oberkommandierende ließ sich einen 
Reitermantel geben und legte sich unter 
einen Baum; die Kälte und die Sorge um 
das Schicksal der darbenden Mannschaften 
ließen ihn aber nicht schlafen. Er stand 
auf und wandelte durchs Lager. Ta be 
gegnete er einem Soldaten, der ihn im 
Dunkel nicht erkannte und ihn gemütlich 
ansprach: 
„Kannst Du auch nicht schlafen?" 
„Nein, es ist mir zu kalt." 
„Hast Du vielleicht eine Zigarre?" 
„Leider nicht —" 
„Wollen wir uns ein Feuer machen?" 
„Ja, ist denn Holz da?" 
Der Soldat zeigte auf ein paar ver 
trocknete Stücke Ochsendünger und meinte: 
„Damit geht es auch." Er sammelte die 
Fladen zusammen. Die Exzellenz und 
der Reiter setzten sich an das aufflackernde 
Feuer und wärmten sich. Allmählich ka 
men noch mehr Leute hinzu und hockten 
sich um die Glut herum, alle waren ziem 
lich einsilbig, müde und verdrossen. Einer 
meinte, die ganze Verfolgung sei eine 
schlechte Beschäftigung — d. h. er drückte 
sich etwas drastischer landwirtschaftlich - 
aus. General v. Trotha erwiderte, das sei 
auch durchaus seine Ansicht. 
Schließlich kam ein Soldat in den 
Kreis, der den Kommandierenden trotz des } 
Reitermantels und trotz des unsicheren ; 
Lichtes erkannte und vor ihm stille stand. 
Ter Nebenniann fragte: „Was machst 
Du denn für Zicken?" 
„Menschenskind," raunte der, „halte 
doch die Schnauze, das ist ja Ex'lenz!" 
Alle sprangen auf und machten ihre 
Ehrenbezeugung. Dann setzten sie sich wie- ; 
der ans Feuer und schauten bedächtig in 
das Spiel der Flammen. 
Geradezu tollkühn und verwegen war 
die Verfolgungsanstrengung des Haupt 
manns Klein. 
Er hatte die letzte, wenig ergiebige 
Wasserstelle erreicht. Mit nur 25 Mann 
brach er von hier auf und drang noch 50 
Kilometer vor. Die verdursteten Reiter 
konnten sich kaum noch weiter schleppen; 
da wählte der Führer vier Reiter auf den 
besten Pferden aus und setzte den Marsch 
fort! Zwei Pferde stürzten erschöpft zu 
sammen, Klein ritt mit zwei Mann wei 
ter. 30 Kilometer östlich von Oz-Ombi 
machte er auf einem Hügel endlich Halt. 
Wasser hatte er nicht gefunden. Die weite 
Steppe vor ihm zeigte sich öde und leer. . 
Wahrlich, eine Verfolgung „bis zum letz 
ten Hauch von Mann und Roß!" 
Uwd nun der Rückmarsch! Es bedurfte 
aller Energie, um die Strecke nochmals 
zurückzulegen. Die müden, von Durstqua 
len halb wahnsinnigen Reiter netzten den 
Mund mit dem Blut der gefallenen Tiere. 
Alle haben die Aufbruchstätte wieder er 
reicht, doch viele, wie auch der Führer 
selbst, haben sich aus dem furchtbaren Zuge 
den Keim zu todbringender Krankheit ge 
holt! Nun ruhen sie unter dem Sande 
der Omaheka. 
Wie viele starke Männer mußten im 
Feldzuge dem Typhus und der Malaria 
erliegen! Die Anstrengungen, Entbeh 
rungen und die vielfach mangelhafte Be 
schaffenheit des Wassers mußten zur Er 
krankung führen. Aber mit welcher Ener- . 
gie suchten die Tapferen der Krankheit 
Widerstand zu leisten! 
Welche Freude gab es, wenn die Post, 
leider selten genug, die Truppe im Felde
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.