Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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tiacf gegen die Nachkommen bedacht wären. 
Tiefer Aberglaube ist unseren Truppen in 
gefährlichen Lagen von Nutzen gewesen. 
Oefter las man Staunen und Bewun 
derung in den Gesichtern der Soldaten, 
wenn nie gesehene Naturerscheinungen die 
Augen fesselten. Den strahlenden Nacht 
himmel Afrikas kannte man in der Hei 
mat nicht. Welches wunderbare Farben- 
spiel beim Untergang der Sonne! Der 
Abendhimmel leuchtete öfter in tausend 
Farben vom dunkelsten Violett bis zum 
strahlendsten Gelb. Dann sah man auch 
das Zauberspiel der Fata morgana: Der 
Waterberg hob sich langsam mehr und 
mehr in die Luft, brach dann plötzlich ab, 
so daß zwischen ihm und dem Horizont 
ein weißer, durchsichtiger, nebliger Strei 
fen entstand, dann stand er wieder an der 
alten Stelle in der wohlbekannten Form, 
doch viel kleiner, als er je erschienen war. 
Mit weitgeöffneten Augen standen die 
Leute da. Auch hörte man zuweilen ein 
Donnern in der Ferne; man dachte zuerst 
an Geschützfeuer, aber auch hier trieb der 
Waterberg sein Spiel. Von seinen Hän 
gen lösten sich, zumeist unter dem schroffen 
Temperaturwechsel, Felsbrocken ab und 
stürzten mit donnerndem Getöse in den 
Schluchten zu Tal. 
Bei unseren Kriegern erweckten diese 
Erscheinungen einer fremdartigen Natur 
aber doch nur ein flüchtiges Interesse; 
alle Eindrücke verschwanden vor den Ein 
wirkungen der Anstrengungen, Leiden und 
Entbehrungen, die die Kriegführung ihnen 
zumuten mußte. 
Begleiten wir einmal eine Abteilung 
unserer Reiter auf ihrem Zuge durch den 
Wüstensand. 
Tie Sonne brennt unerbittlich; unter 
dem Hufschlag der Pferde und den tief im 
Sande mahlenden Geschützrädern wallt 
der Staub hoch auf und füllte stickig die 
sengende, glühende Luft; die Zunge klebt 
trocken am Gaumen, wie flüssiges Blei 
zieht der Atem die ausgedörrte Kehle hin 
unter. Um Augen und Mund bildet sich 
eine Kruste, während Rock und Sattel, 
Gesicht nnd Hände mit weißlichem Staube 
bedeckt werden. Die Pferde sind matt und 
schleppen sich mühsam dahin. Vom Son- 
venlicht geblendet, sehen die Reiter durch 
die geöffneten, sonst oft zusammengepreß 
ten Lider Büsche und inmier wieder Bü 
sche an sich vorbeiziehen. Die erschlaffende 
L 
Glut wird mehr und mehr zur Pein. Wer 
noch ein paar Tropfen in der Feldflasche 
hat, gießt sie sich sparsam auf die Zunge 
und betäubt dadurch auf kurze Zeit die 
Empfindung des brennenden Durstes. Der 
Himmel ist tiefblau, aber das flimmernde 
Licht über der Steppe blendet die Augen, 
so daß die Reiter gesenkten Blickes dahin 
ziehen und kaum die Kruppe des Vorder 
pferdes durch den Dunst und Staub zu 
erkennen vermögen. 
So ritt die Abteilung Estorff einmal 
30 Stunden. Eine dichte Staubwolke um 
hüllte alles, füllte stickend die Nüstern 
der armen Tiere, raubte den Leuten den 
Atem und steigerte ihren Durst zur uner 
träglichen Qual. Und kein Ende des Mar 
sches war abzusehen. Die vorgeschickten 
Aufklärer fanden kein Wasser. Immer 
neue Enttäuschungen. Welche Verantwor 
tung für den Führer! Nach seinem eige 
nen Bekenntnis hat ihn nur ein festes 
Gottvertrauen gestärkt und gestützt. 
Schließlich traute nian sich einem ge 
fangenen Herero an. Das war zwar ge 
wagt. Endlich gegen Mitternacht fand die 
Spitze eine kleine Vleh mit schmutzigem 
Wasser; in Nu war sie bis zum letzten 
Tropfen geleert. 
Erst am anderen Tage nach zweistün 
digem Ritte wurde eine gute und reich 
liche Wasserstelle erreicht. 
Die Abteilungen Mühlenfels und 
Deimling, bei denen sich auch der Ober 
kommandierende General v. Trotha be 
fand, verfolgten nach den entscheidenden 
Gefechten am Waterberg den abgezogenen 
Feind in die furchtbare Omaheke. Am 13. 
August war man aufgebrochen. Den Pfer 
den hatte man vorher 1—2 Pfund Hafer 
reichen können. Die Tiere sahen erbar 
menswert aus, jede Rippe zeichnete sich 
deutlich ab und die Hüftknochen an der 
Kruppe standen ihnen so eckig heraus, 
daß man schier den Schuhtruppenhut 
daran hängen konnte. Und nun sollten 
diese kraftlosen, verhungerten Tiere die 
Reiter durch den Sand hinter dem Feind 
hertraqen! Manches treue Tier sank denn 
auch bald ermattet zusammen: dann 
sprang der Reiter ab und versuchte das 
Tier am Zügel weiter zu schleifen. 
Schließlich versagten dem todmatten Tiere 
die Kräfte völlig, es blieb am ganzen Leibe 
zitternd stehen, wankte noch ein paarmal 
hin und her und brach zusammen. Dann
	        

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