Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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Und, wie rührend, sogar eine Anzahl 
Strümpfe war darunter, die alte Frauen 
eigenhändig für den Altreichskanzler ange- 
fertigt hatten. Kaum einen Gegenstand auf 
kunstgewerblichem Gebiete ließe sich nennen, 
der nicht unter den Geschenken vertreten war. 
Die Begrüßungen dauerten bis in den 
Nachmittag hinein. Es war vielleicht un 
bescheiden von mir, stundenlang dort zu 
bleiben — die meisten Gäste gingen bald 
wieder fort, ich hatte mir aber vorgenommen, 
möglichst lange zu verweilen aus Gründen, 
die man leicht verstehen wird. Ich durch 
wanderte die Räume, welche den Besuchern 
zugänglich waren und wurde in einem der 
Räume Zeuge eines besonders reizvollen 
Vorganges-ein glückliches junges Paar, der 
jüngste Sohn Bismarcks, Graf Wilhelm, der 
spätere Oberpräsident von Ostpreußen, feierte 
dort seine Verlobung mit seiner Kousine. 
Ganz Deutschland wohl beging den Tag 
festlich. Berlin hatte in allen Stadtteilen 
glänzend illuminiert. In Kiel war seitens 
der militärischen Vereine eine große Feier 
zu Ehren Bismarcks veranstaltet worden. 
Wir beide, Sartori und ich, ließen es uns 
nicht nehmen, der Festversaminlung unsere 
unvergeßlichen Eindrücke in einer ausführ 
lichen Drahtung mitzuteilen. Soweit der 
erste Tag. 
• Den zweiten Tag in der Familie Bismarck 
verlebte ich in Friedrichsruh, am 9. Juli 1893, 
zu welcher Zeit Fürst Bismarck nicht mehr 
im Dienst, sondern schon der „Altreichs- 
kanzler" geworden war. Wir aber wissen 
noch, wie die Dankbarkeit des deutschen 
Volkes ihm nach seinem Ruhesitz gefolgt ist, 
wie manche Abordnung, wie mancher groß 
artige Zug aus allen Teilen Deutschlands 
dorthin seinen Weg genommen hat. Ich 
will nicht erzählen von dem großen Zuge 
der Schleswig-Holsteiner, an dem auch ich, 
einige Wochen vorher, mit meinem ältesten 
Sohne teilgenommen habe, sondern von dem 
Ausfluge einer kleineren Gesellschaft, dem 
der Gewerbe- und Handelskammersekretäre 
aus dem Deutschen Reiche, die in den ersten 
Tagen des Juli 1893 in Kiel ihre Tagung 
abhielten, zu welcher ich als A. H. geladen 
war. Ans meinen Vorschlag, einen Besuch 
in Friedrichsruh zu machen, wurde dort 
angefragt, ob ein solcher genehm sei und ich 
gab der Anfrage durch meine langjährigen 
freundschaftlichen Beziehungen zu dem auch 
schon längst dahingegangenen fürstlichen Ober- 
förster Peter Lange einen gewissen Nachdruck. 
Ob dies gewirkt hat, weiß ich nicht, aber 
umgehend traf eine bejahende Antwort ein, 
wenn der 9. Juli, ein Sonntag, passe. 
Es war der Tag nach dem Besuche der 
Lippe-Detmolder, als wir nach Friedrichsruh 
fuhren, eine Schaar von etwa 45 Personen. 
Ein wunderbar schöner Tag. Goldig schim 
merte die Sonne durch das üppige Grün 
des Sachsenwaldes.' Man ersuchte uns, auf 
die Veranda des Hauses zu treten. Fürst 
Bismarck erschien, eine gewaltige, imposante 
Erscheinung trotz der vorgerückten Jahre. 
Der Vorsitzende unseres Verbandes, Dr. 
Stegemann, damals in Oppeln, begrüßte den 
Fürsten, der unmittelbar darauf das Wort 
nahin. Er sprach über das Verhältnis der 
verschiedenen Erwerbszweige zu einander: 
Landwirtschaft, Handel, Industrie usw. und 
sagte nach meinen Notizen etwa folgendes, 
das noch auf lange Zeit hinaus gerade für 
Deutschland gültigen Wert besitzen wird: 
„Es ist früher von meinen Gewerbs- 
genossen, den Landwirten, viel auf die 
Industrie und deren Förderung gescholten 
worden, aber ich habe in meiner eigenen 
Landwirtschaft gesehen, welche Wohltat 
für den Landwirt es ist, eine reiche Industrie 
in der Nähe zu haben. Wo eine pros 
perierende Industrie ist, wie in den west 
lichen Provinzen, da hat die Landwirt 
schaft noch zu leben. Wo das nicht der 
Fall ist, da sollteJndustrie nach Möglichkeit 
geschaffen werden, und die Landwirte sollten 
sich zur Aufgabe machen, sie zu pflegen. 
Umgekehrt ist der wohlhabende Landwirt 
ihr bester Abnehmer. Näher liegt der 
Gedanke, daß der Handel im Gegensatz 
zur Produktion stände. Auch das halte 
ich für einen Irrtum, in den nur die 
jenigen verfallen, die an der Oberfläche 
basten, und ich glaube, daß die Kaufmann- 
schaft eines armen, verarmten, besonders 
eines verarmenden Landes schlechter daran 
ist als die eines reichen. Kaufleute in
	        

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