Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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eine Zeitlang — endlich stand der große 
Bruder vor uns, und nun ging der 
eigentliche Spaß los. Atemlos vor Auf 
regung reichten wir Heinrich Töpfe, Glä 
ser und Krüge, alle mit Wasser gefüllt: 
Prasselnd fielen sie immer auf denselben 
Fleck nieder und machten einen wahrhaft 
höllischen Lärm. An den hell erleuchteten 
Fenstern des Brauthauses zeigten sich Ge 
stalten: man war entschieden erbaut von 
dieser Huldigung. Aber auch die rächende 
Gerechtigkeit nahte sich. Es hatte sich eine 
größere Volksmenge angesammelt, und 
wahrscheinlich fielen einige spöttische Be 
merkungen über Webers Leistungsfähig 
keit: denn plötzlich hörte man sein lautes 
Schelten auf dem Platz, und die blanken 
Knöpfe seiner Uniform blinkten so un 
heimlich nahe bei uns, daß es meiner gan 
zen Selbstbeherrschung bedurfte, unser 
schönstes Polterstück, Großvaters Terrine, 
nicht fallen zu lassen. Heinrich hatte sie 
bis zuletzt verwahrt, und auch jetzt, wo 
die Gefahr in nächster Nähe war, schien 
er sich nicht von ihr trennen zu können. 
Er schob mich vor sich her und warf einen 
Wasserkrug so nahe an Webers Kops vor 
bei, daß dieser zurücktaumelte und erst 
nach einigen Sekunden mit wilden Flü 
chen nach dem Neubau stürzte. Aber dort 
waren wir nicht mehr. Vom Dunkel be 
günstigt standen wir ietzt hart vor Her 
mensteins weit geöffnete'- Tür. Wir konn 
ten in den hell erleuchteten Hausflur 
sehen, wo viele Mädchen herumhantier 
ten, und wo Berge von Butterbrot und 
Kuchen und lange Reihen dampfender 
Punschgläser standen. Ein Mädchen mit 
leeren Gläsern kam aus den Zimmern, 
um gleich wieder gefüllte fortzutragen, 
und aus den Fenstern tönte Musik und 
Lachen. Ich sab und hörte freilich von 
ulledem nicht viel: meine beiden Arme 
hielten die bis zum Rande mit Wasser 
uesüllte Terrine umklammert, und ich 
batte Mütze, mich mitten in dem Ge 
dränge aufreckt zu halten, llnd nun — 
das Blut stockte mir in den Adern — kam 
Weber wieder. Er fluchte sehr laut und 
aing sehr langsam. Er wird dich sehen, 
dachte ich: dann gibt es lebenslänglich Ge- 
mngnis. keine Weihnachten und einen 
mngen Bart! Aber Weber sab uns nicht. 
Er stund in der Haustür, und seine rote 
Nase bog sich wohlgefällig herunter zu 
einem Glase mit rotem Inhalt. Wie in 
halber Zerstreuung streckte er die Hand 
aus nach der Wange eines drallen Mäd- 
ckens — da fliegt ihm der Terrine klat 
schend vor die Füße, daß er wild in die 
Luft springt und sein Punschglas fallen 
läßt. Ich sehe und höre nichts mehr; ich 
laufe nur, weiter und immer weiter, bis 
Heinrich, der mich an der Hand gefaßt 
hat, mir zuruft, ich solle doch kein „Ban-g^ 
büx" sein. Er war gar nicht stark gelau 
fen, und jetzt blieb er stehen und lachte. 
„Das Wasser sprang ihm bis in sei 
nen Punsch!" rief er. „Na, und umziehn 
muß er sich auch!" 
„Weshalb hat er uns denn nicht gefan 
gen?" fragte ick noch halb erschreckt. 
„Er kann ja nickt laufen l Gast du's 
denn nicht gesehen, daß er hinkt? Kein 
Mensch sollte es wissen, aber sein Junge, 
der Krischan, sagte heute etwas in der 
Schule davon, daß sein Vater krank wäre; 
er wollte aber nicht verraten, was ihm 
fehlte. Heute Nackmittag kaufte ich ihm 
für einen Bankickillina Lakritzen, da sagte 
er. sein Vater hätte ein dickes Knie, und 
als ick ihm noch mein Butterbrot schenkte, 
kam die Wahrheit an den Tag. Weber 
Ficit eine Schweinsbeule am Knie und 
Grützverband darauf, da soll er's wobl 
lassen, uns einzufangen. Sa haben Her 
mensteins doch einen anständigen Polter 
abend bekommen!" setzte er stolz hinzu. 
t Am anderen Tage war die große Hoch 
zeit. an der vierundzwanzig Stunden 
lang gegessen und getrunken wurde. „Zu- 
iällig" standen wir vor dem Hause und 
sahen in die Tenster. wa rief uns der alte 
.fiermenftem herein. Wir bekamen so viel 
Gutes. aufgetisckt. daß wir es gar nickt 
bewältigen konnten, wir mußten uns auck 
nock die Taschen vollstecken. Vor allem 
aber war Heinrich der Held des Taaes. 
Keiner wate weshalb, aber alle klopften 
ibm aui die Schulter und meinten, aus 
ibm würde nock einmal etwas Ordent- 
lickes werden. Und der alte Herr Her 
menstein konnte sich gar nickt beruhigen, 
so viel mußte er lachen und unserem 
Heinrich zunicken und zutrinken-, bis es 
diesem ungemütlich wurde, und er uns 
ein Zeichen gab, daß wir fortgehen 
wollten. 
„Habt ihr nach Kucken?" fragte er, 
als wir auf der Straße standen. 
Wir hatten Hände und Taschen voll, 
und er nahm von jedem von uns einen
	        

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