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ter, das heißt lebenslänglicher. Kerkerhaft
verurteilt.
Wir Kleinen konnten wohl auch wie
der Wind laufen: doch gegen- Bruder
Heinrich waren wir ungeschickte Tölpel.
Mit einem merkwürdig gewandten Kör-
per begabt, verstand er es, mit indianer
artiger Geschicklichkeit zu verschwinden.
Andere Jungen machen Lärm, wenn sie
laufen und klettern-: er glitt unhörbar
über eine Mauer oder schnellte sich, wie
von Federn getragen, so außer Schuß
weite, daß es keinem Menschen einfiel, ihn
zu verfolgen. Deshalb wußten wir auch
genau, daß Polizeid-iener Weber trotz sei
ner langen Beine Heinrich niemals ein
fangen würde. Wenn jemand erwischt
wurde, so waren wir es, dies wußten wir
sehr wohl: dennoch fiel es uns keinen Au
genblick ein, diese Gelegenheit, unseren
Mut zu beweisen, unbenutzt vorübergehen
zu lassen. Heinrich konnte uns auch gar
nicht entbehren, denn wir trugen die mei
sten Wurfgeschosse und mußten sie ihm
nachher zulangen. Kam doch auf sicheres
Zielen und einen geschickten Wurf sehr
viel an. Gerade vor die Haustür, viel
leicht auch an sie selbst, sollten die Scher
ben fliegen, niemals an die Fenster.
Heinrich würde wegen- solcher Ungeschick
lichkeit sich selbst verachtet und vielleicht
niemals wieder gepoltert haben. Deshalb
begnügten wir Kleinen uns auch stets mit
leeren Tintenflaschen und anderen leicht
zu werfenden Sachen, die auch ihr Svek-
takelchen machten und doch wenig Unheil
anrichten konnten.
Fräulein Hermensteins Hochzeit war
Ende Oktober. Diese Jahreszeit hatte, der
dunkeln Abende wegen, ihr Angenehmes.
Straßenbeleuchtung 'kannte unser Städt
chen natürlich noch nicht, und es war zu
hoffen, daß uns Weber aar nicht sehen,
würde. ?tn diesem Sinne äußerte ich mich
gegen Jürgen, der mir achielzuckend erwi
derte, daß die dunkeln Abende für den
Polterabend allerdings sehr vorteilhaft
wären, für das Gefängnis aber nicht.
„Wieso?" fragte ich mit einem Ge
fühl banger Ahnung, Jürgen versuchte ein
gleichgültiges Gesicht zu machen. „Man
kriegt gar kein Licht im Gefängnis!"
„Gar kein Licht! Muß man immer im
Dunkeln sitzen?"
Jürgen nickte finster, und ich wurde
sehr nachdenklich. „Jürgen," fragte ich be
sorgt, „wir dürfen doch Weihnachtsabend
nach Hause gehen? Das- wird Weder ge
wiß erlauben!"
Jürgen schüttelte den Kopf. „Wer ge
fangen ist, ist gefangen!"
„Aber unser Weihnachtsbaum. Jür
gen. und die Geschenke, und das Kuchen-
backen?"
Jürgen putzte sich lange die Nase, dann
erzählte er mir, indem er mühsam ver
suchte, seiner Stimme Festigkeit zu geben,
eine Geschichte, die er gerade gelesen, und
die unser Freund, Franz Hoffmann, ge
schrieben hatte. Der Held war ein edler,
unbeschreiblich edler Knabe, der von seinen
Feinden ins Gefängnis geworfen worden
war. Er saß auf einem Strohbündel und
wurde aus einem Knaben ein Mann, aus
dem Mann ein Greis, und niemand küm
merte sich um ihn. Aber er blieb immer
gut und freundlich, und weil er stets auf
einem Flecke saß, wuchs sein Bart auf die
Erde und von der Erde, wie Efeu, an der
Wand des Gefängnisses entlang. Und als
er über hundert Jahre so gesessen hatte,
und seine holde Freundlichkeit stets die-
selbe blieb, da öffnete sich endlich die Tür
seines Kerkers, und die Befreier kamen:
er sollte König eines reichen Landes wer
den. Er aber sagte — ja was der edle
Greis sagte, habe ich niemals erfahren.
Ich weinte schon längst Ströme von Trä
nen, und Jürgen, der mich zuerst verächt
lich angelächelt hatte, schluchzte ebenso
laut wie ich.
Am Polterabend Fräulein Hermen-
steins standen wir rechtzeitig auf unserem
Posten. Nickt weit von dem großen hell
erleuchteten Hause war ein Neubau mit
eineni Gerüst. Dabin hatten wir alle un
sere „Pottscharben" gebracht, da war auch
eine große Gießkanne mit Wasser, aus der
die noch Wasser haltenden Gläser und
Töpfe gefüllt wurden. Zuerst besann eine
kleine Plänkelei: Taffen, Gläser und
einige Flaschen wurden gewissermaßen
versuchsweise geworfen, aber es war nichts
Ordentliches. Wegen solcher Kleinigkeit
setzte sich Psltzeidiener Weber nicht in Be
wegung. Einem Gerüchte nach sollte er
in einer dunkeln Ecke des Festbauses
sieben, aber wir sahen ibn nickst: und auch
Heinrich war noch nicht erschienen, ob
gleich er uns gebeten batte, rechtzeitig auf
dem Platze zu sein. Wir warteten noch

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