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ich mich keiner sehr befriedigenden Ant-
Wort entsinnen. Nur einmal — aber das
ist eine Geschichte für sich. Hin und wieder
sahen wir auch vom Marktplatz aus ein
Gesicht gegen btc Eisengitter gedrückt;
zur Unterhaltung waren die Gefangenen
aber selten geneigt, und weil sie so still
und verdrießlich schienen, nahmen wir
Wohl mit Recht an, daß der Aufenthalt
in der Zelle nicht besonders erfreulich sein
könnte. Und doch polterten wir weiter,
und die Bürgermeisterjungen waren noch
viel unartiger als wir, wie alle Leute
sagten, ein Urteil, das uns mit Rührung
über unsere eigene Vortrefflichkeit er
füllte, uns aber, ich muß es leider beken
nen, nicht auf den Pfad der 2!ugieni)' lei
tete, sondern nur das Gefühl gab, wir
batten, wie die katholischen Heiligen, einen
Ueberschuß guter Taten im Himmel
stehen, von denen wir nach Belieben ver
brauchen könnten.
Ta erschien plötzlich im Wochenblatt,,
das jeden Sonnabend herauskam, und das
seinem Titel nach versprach, für Intelli
genz und Unterhaltung zu sorgen, ein
Edikt des Bürgermeisters. Tb es sich an
die Intelligenz der Bürger wandte, weiß
ich nicht; es schädigte aber unsere Unter-
Haltung, da es das Poltern mit strengen
Worten ein für allemal verbot. Wahr
scheinlich war etwas Gesetzwidriges an
irgendeinem Polterabend geschehen, etwas,
woran wir nicht beteiligt waren, und wo
für wir nun büßen mußten. Und wieder
drohte der Bürgermeister mit dem Ge-
sängnis allen denen, die beim Poltern
vom Polizeidiener Weber ergriffen wer
den würden, mit dem Zusatze, daß diese
Gefängnisstrafe verschärft sei. Verschärft!
Es gruselte uns doch leise, und wir dach
ten voller Abneigung an den holsteini
schen Kollegen Lauritzens, an den Poli
zeidiener Weber. Ter war sehr viel un
freundlicher als der Däne, er war groß
lind stark, konnte schnell laufen urtfr hatte
so große rote Hände, daß der Gedanke,
von ihnen gepackt zu werden, selbst den
größeren Brüdern nicht erfreulich er
schien. Wir hatten schon öfter gesehen,
wie er ein paar arme Sünder vor sich
hergestoßen und in seiner derben holstei
nischen Sprache ausgescholten hatte; viel
leicht schleppte er uns nun auch bald da
von! Und dabei war die Gartenecke herr
lich voll, nicht blos von Scherben, sondern
auch von unversehrtem Geschirr. Im Hin
blick auf ein bevorstehendes großes Hoch
zeitsfest hatte Heinrich schon lange gesani-
melt und sich von verschiedenen Freunden
und Freundinnen leere Weinflaschen,
Buttertöpfe und andere Herrlichkeiten
schenken lassen. Besonders stolz war er
aus eine Suppenterrine. Er hatte sie auf
«einem gelegentlich unternommenen Raub
zuge im Hause der Großeltern mitgenoni-
men und lächelte vergnügt, als wir durch
aus keinen Schaden an ihr entdecken konn
ten. Ter Deckel hätte einen Riß, erklärte
er, und Großvater niag nichts Kaputes
leiden! Obgleich wir diese Abneigung un
seres kurzsichtigen Großvaters noch nie-
inals bemerkt hatten, war uns Heinrichs
Grund doch sehr einleuchtend. Was aber
nützten uns alle Suppenterrinen der gan
zen Stadt, wenn uns Polizeidiener Weber
als strafender Engel der Gerechtigkeit das
Vergnügen verdarb, den Brautleuten un
sere Teilnahme zu bezeugen? Denn man
glaube nur nicht etwa, daß das Poltern im
Publikum unbeliebt gewesen wäre: im *
Gegenteil, die meisten Bräute faßten es
als eine Unhöflichkeit auf, wenn an ihrem
Polterabend kein Lärm vor dem Hause
entstand, und die Aufforderung: Nicht
wahr, ihr poltert doch bei mir: war so
oft an uns gerichtet worden, daß wir uns
einer Nachlässigkeit schuldig zu machen
glaubten, wenn wir einem Polterabend
fern blieben. Besonders die wohlhabenden
Leute denen eine zerschlagene Haustür kei
nen Kummer bereitete, luden uns gerade
zu zum Poltern ein, wenn sie auch der
Obrigkeit gegenüber diese Einladung
nicht eingestehen wollten. Bei dieser gro
ßen Hochzeit nun, die 'in der Stadt bei
dem wohlhabenden Landwirt Hermenstein
stattfand, mußte unbedingt gepoltert wer
den, trotz des Verbots und trotz des Poli
zeidieners. Heinrich war Hausfreund bei
Hermensteins. Zu jedem Schweineschlach-
ten wurde er feierlich eingeladen; neulich
hatte er sogar den Schwanz eines der
Schlachtopfer halten dürfen, ein Vertrau
ensamt, um das er nicht wenig beneidet
wurde. Und nun sollte er sich am Polter
abend Fräulein Hermensteins teilnahms
los verhalten, er, der beste Polterer der
Stadt? Es ging nicht, wirklich nicht, wir
Jüngeren sahen das nur zu deutlich ein,
und wir sahen uns auch schon in der dü
stersten Zelle des Rathauses, zu verschärf

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