Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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Anarchismus erzogen wird? „Ein Oben und 
Unten darf in unsern Staaten und Ständen 
nicht mehr sein. Bomben her! Wir stu- 
dierten und unstudierten Anarchisten wollen 
alle Unterschiede aus der Welt schaffen. Um 
die Mittel dafür sind wir nicht verlegen, 
denn ein Gewissen — bah — was beißt 
Gewissen? Haben wir's oder haben wir's 
nicht? — Wenn wir's haben sollten, dann 
ist es so weit, daß eiw Kutscher mit vier 
Pferden drin umwenden kann". Menschen 
wie die Mordbuben zu Serajewo will jede 
Partei von sich abschütteln. Der Rund- 
schauer will auch niemand beschuldigen, aber 
wahnen will er: „Hütet eure Gegend vor 
Sümpfen, in denen solche Giftpflanzen wachsen 
nnd wuchern können". 
Wenn wir nun über Oesterreich hinaus 
eine Strecke weiter wandern, dann sind wir 
bald wieder da, wo im vorigen Jahre hinten 
fern in der Türkei die Völker aufeinander 
schlugen. Eine Weile hatte es den Anschein, 
als ob nun alles in Ordnung kommen 
sollte, aber dann verhandelten die Mächte 
überAlbanienund Wilhelm zu Wied, 
wurde auf den Thron des neugebil 
deten Fürstentums berufen. Der ehrliche 
deutsche Fürst mußte aber alsbald bei den 
Albanesen und Muselmännern die Wahrheit 
des Wortes erfahren: Wer sich am Esel 
scheuert, bekommt Haare davon. Er meinte 
in seiner neuen Rcichshanpstadt Durazzo 
aus die Höhe zu kommen, aber bald mußte 
er es sehen, daß er sobald er den einen 
Fuß auf albanischen Boden gesetzt hatte, 
er auch mit demselben im Graben saß; wer 
ober erst mit einem Bein im Graben sitzt, 
kommt bald mit beiden hinein. Der neue 
Fürstenpalast in Durazzo ist sofort sehr 
baufällig geworden; man beleiht aber nicht 
llerne baufällige Häuser mit Hypotheken. 
Ich glaube wenn selbst ein Jude nach 
Albaniens Haupstadt käme und sich das 
Schloß ansähe — er würde sagen: hin ist 
hin, ich leih nicht mehr einen Pfennig draus, 
schon seh ich's kippen nnd wippen und über 
Vacht kann's böse Einfälle haben. 
Wenn so dort drunten in der Südostecke 
Europas das Volk sich zum großen Teil 
an seinen Fürsten noch nicht gewöhnen will, 
so zeigt sich uns im Norden ein ganz 
anderes Bild. In Schweden haben sich 
dreißigtausend Bauern aufgemacht, sind zu 
ihrem König gegangen nnd haben ihm 
erklärt, nach ihrer Meinung gehöre zu 
einem starken Nährstand auch ein starker 
Wehrstand, und der Bauernstand erbitte 
deshalb vom König, daß inehr als bisher 
für das Heer gesorgt werde. Der König 
hat freundlichst mit den Leuten geredet, 
weil er dachte: Treue ist ein seltener Gast, 
halt ihn fest, wenn du ihn hast. Die 
Herren Demokraten haben's dem König sehr- 
übel genommen, daß er zu den Bauern 
geredet hatte, ohne sic vorher zu fragen, 
was er sagen sollte. Es gab viel Lärm, 
aber als es nun zu Neuwahlen für eine 
Volksvertretung kam, da haben die Bauern 
ihren König nicht in Stich gelassen und es 
gab eine bedeutende Verschiebung nach Rechts. 
Auch anderswo, sonderlich im deutschen 
Vaterlande, macht sich eine Neigung nach 
Rechts bemerkbar, iveil viele Leute zu der 
Ansicht und Einsicht gekommen sind, daß 
die Bahn zur Linken eine Rutschbahn ist, 
die in einen dunklen Abgrund fährt, und
	        

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