Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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Großherzog Adolf Friedrich von Mccklcnburg-Slreliy f. 
Jahren als Pastor nach Berlin berufen war, 
habe ich einmal eine ivunderbare Geschichte 
gehört i In der großen Stadt gab's schon 
damals viele Orgeldreher, — ja sehr viele; 
und einer derselben war ein Hauptkerl, d h. 
ein Hauptmusikmacher. Demselben sollte 
von all den andern ein Haupttag bereitet 
werden, ich weiß nicht, ob's ein Ehrentag 
oder ein Schmachtag werden sollte: aber 
all seine Orgelgenossen hatten sich mit all 
ihren Orgeln an diesem Tage, oder vielmehr 
so gegen die Nacht auf dem Hofe versammelt, 
wo in der Mietskaserne der alte Held dem 
Himmel ziemlich nahe unterm Dache wohnte; 
und nun nahm das vieltauscndstimmige 
Ständchen seinen Anfang. Es war herz 
zerreißend und himmelschreiend. Noch nie- 
mals hatte man in Berlin ein solches Konzert 
gehört. Die Wirkung wird denn auch als 
eine unbeschreibliche geschildert. Was mu 
sikalische Haustiere sind, die sollen auf den 
Dächern erschienen, alle Ratten aber für 
längere Zeit aus der Gegend verschwunden 
sein. Als aber das Ständchen zu Ende 
ivar, da erschien droben am offenen Fenster 
seiner Dachkammer die Gestalt dessen, dem 
der ganze Aufzug gelten sollte. Bornehm 
blickte er auf die Genossen seiner Kunst her 
nieder, majestätisch stand er einen Augenblick ! 
da droben, eine stumme Verbeugung war 
sein Dank. Wegen der Vorfälle in Zaber» 
brachten im Reichstag die Hofsmanns, Schei- 
demanns, Liebknechts, Zubeils und andere. 
Genossen, auch viele, die man sonst nicht in 
dieser Gesellschaft zu finden pflegte, dem I 
Reichskanzler ein Mißtrauensvotum, oder ! 
wie man auf deutsch zu sagen pflegt, eine 
Katzenmusik. Es war ein riesiger Lärm, so ; 
daß viele meinten, Herr von Bethmann j 
werde dem Sturm nicht standhalten können. 
Dieser aber blickte von seiner Höhe hernieder 
mit stummer Verbeugung und erklärte: „Ich 
werde auf dem Platz bleiben, auf welchen | 
mein Kaiser mich berufen hat, solange ich 
meinem Fürsten und seinem Volk dienen 
kann". Und die Riesenorgelei in Zabern : 
ist verstummt, nachdem der Statthalter der : 
Reichslande Graf Wedel unter Erhebung 
in den Fürstenstand von seinem Posten zu 
rückgetreten ist und der Minister von 
Dallwitz an seine Stelle gekommen ist. 
Wenn so mancherlei Stürme durch die ' 
Herzen und Häuser, auch durchs Reichstags- 
gebäude und durch die Regierungen hindurch 
gezogen sind, so sind wir auch da draußen 
im Lande, auf und an der See von den 
Gewalten der Winde und des Wassers nicht 
verschont. Um die Wende des Jahres tobten 
die Wogen, überfluteten manche Gebiete der 
Großherzog Adolf Friedrich von Mecklcnburg-Strclitz.
	        

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