Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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schlag der Männer, und die zerkratzten Ge 
sichter und die abgebissenen Nasen der Weiber 
selbst weiter auszumalen; ich aber will nicht 
ablassen, das Familienleben in unserem 
Kaiserhause unserm Volk als ein Musterbild 
anzupreisen und meine Kinder und Kindes 
kinder das Wort zu lehren: Ein gut Haus- 
gemach geht über alle Sach. 
Wenn ich Rundschau halte, dann richten 
sich meine Blicke immer wieder aus der weiten 
Welt da draußen hinein in die enge Welt 
des Hauses. Wer die Zeitung liest, muß 
wohl fast täglich Selbstmordgeschichteu lesen, 
und vielfach sind's Selbstmorde von zwanzig- 
jährigen, ja sogar von achtzehnjährigen Liebes 
paaren, oder vielleicht gar von Schulbuben, 
die sitzen geblieben sind. Im deutschen Reich 
kommen alljährlich fast 14000 Selbst- 
morde vor. Nach Verhältnis der Ein 
wohnerzahl stehts am schlimmsten in Bremen 
und Hamburg, dann folgen Reuß j. L., 
Anhalt, Koburg-Golha, Meiningen und 
Schleswig-Holstein. Das ist ein trauriger 
Ruhm, den wir biederen Leute der nieerum- 
schlungenen Lande uns erworben haben, und 
wenn wir nicht anfangen bei unserer Jugend, 
bei unseren Kindern zu arbeiten, dann iverden 
wir immer tiefer in den Sumpf kommen. 
Da kann die allerbeste Schule nicht helfen, 
wenn das Elternhaus den Lehrer im Stich 
läßt, oder ihm gar entgegenarbeitet; und die 
Mahnungen des treuesten Seelsorgers an die 
Kinder, Jünglinge und Jungfrauen wirken 
wie Wasser, welches auf die Gans gegossen 
wird, wenn Vater und Mutter stets auf 
dem Standpunkt stehen: Unsere Kinder 
müssen's mitmachen, wenn >vas los ist, sie 
müssen jeden Tag mittanzen, wenn irgendwo 
die Fiedel gespielt wird, denn man ist nur 
einmal in der Welt und muß mit der Welt 
vorwärts, sie müssen sich nach der Mode 
kleiden, denn sie sollen nur an den Mann 
gebracht werden. „Was kostet's?", pflegte 
Jan Klüver zu fragen, und ich meine, das 
ist eine gute Frage. Wenn nian in Kiel 
durch die Holsteiistraße geht, dann sieht man 
viele schöne Dinge- aber ich wollte dem Leser 
nicht raten, daß er in den ersten besten Laden 
geht und sich da mir nichts dir nichts das 
Feinste einpacken läßt für seine Frau oder 
seine Tochter, sondern das er Jan Klüvers 
Vorsicht gebraucht und erst fragt: „Was 
kostet's?" Sonst könnte es ihm mit seinen 
Markstücken in der Tasche so ergehen, wie 
Toni Feldmann mit den Kvhlköpsen, die er 
zu Markt fuhr nach dem Städtchen jenseits 
des Berges. Er hatte vergessen, die Hinter- 
wand des Wagens einzusetzen, und als er 
nun nach einer schnellen Fahrt über die Höhe 
auf dem Marktplatz angelangt war, und 
sich umschaute, war nur noch ein Kopf auf 
dem Wagen, nämlich derjenige, den er auf 
seinem eigenen Rumps hatte. „Aber Herzens 
toni", sagte seine Frau bei der Heimkehr zu 
ihm, „cs war nur gut, daß ich dir heute 
morgen das Halstuch so fest umgebunden 
hatten, sonst hättest du am Ende den Kopf 
noch dazu verloren". Der Toni aber hat 
es sich gemerkt, daß ein Wagen ohne Rück- 
wand mit kugeliger Ware aus holperiger 
Straße ein großes Loch hat und hat das 
selbe später stets sorgsam verstopft gehalten. 
Das Geld ist auch runde Ware, und • der 
Beutel braucht gerade keine» besonderen Leck 
zu haben, sondern das Loch, wo es hinein 
gekommen ist, ist schon groß und gefährlich 
genug, um die runden Dinger auf der Holsten 
straße in Kiel ins Rollen zu bringen. Darum 
ist Jan Klüver so dumm nicht, der den 
Knopf auf den Beutel hält und erst fragt: 
Was kostet's? Manche Sachen mögen ganz 
gut sein, aber sie mögen doch allzuteucr 
bezahlt werden. Wenn du. deine Töchter in 
Kleider steckst, die über den Hüften und über 
den Knöcheln die Weite eines Halskragens 
haben, daß das menschliche Gebein, welches 
darin steckt, wie eine schlanke Gurke aussieht, 
so denkt man ivohl, solch Kleid ist ein gut 
Ding, denn es hindert diejenige, welche 
darinsteckt, daran, große Sprünge zu machen; 
aber was kostets? Wenn ein Stück zarter 
Keuschheit, bürgerlicher Einfachheit, guter 
alter deutscher Sitte dafür hingegeben wird, 
wenn damit ein Stück Frieden und Zu 
friedenheit aus dem Herzen genommen wird, 
wenn damit eine der Säulen, welche das 
Haus tragen, einen Riß empfangen sollte; 
wenn ich beim Einkauf solcher Roben an die 
10000 Ehescheidungen oder an die 14000 
Selbstmorde denken niüßte, dann besinne ich
	        

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