Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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von unserm Blut saugen und von unserm 
Mark zehren möchte. Für uns Männer des 
Worts und der Feder sollte es die heiligste 
Pflicht sein, gegen solch Getier — gegen 
all die Gistwortc, gegen die schlechten Sitten 
und losen Beispiele, welche die Schätze um 
schwärmen, die unsere Familie und unser 
Bolk reich machen, stärken und erquicken — 
gegen all die Mistkäfer und Giftfliegen mit 
aller Macht zu kämpfen. 
Der alte Wandsbeker Bote war ein echter 
Schleswig-Holsteiner; und wenn du, lieber 
Leser,' und ich ins neue Jahr hineingehen, 
dann wollen wir daran denken, daß am 
21. Januar 1815 Matthias Clau 
dius g e st o r b e n i st, und daß derselbe uns 
iu seinen Schriften manches Wort hinterlassen 
hat, was mehr wert ist, wie ein Goldstück. 
Der Rundschauer hört durch das ganze 
vergangene Jahr das Geschrei der Atheisten, 
Monisten, Naturalisten, Sozialisten und noch 
etlicher anderer istcn hindurch hallen: 
Freiheit für das Volk! Wir wollen frei 
sein von der Religion, frei von Anstand 
und guter Sitte, frei von Gehorsam gegen 
Eltern und Herrn. Wie sagte und saug 
doch der Bote? 
Man nannte Freiheit bei den Alten, 
Wo Kops und Kragen sicher war, 
Wo Ordnung und Gesetze galten, 
Und niemand krümmste kein Haar; 
Doch nun ist frei, wo jedermann 
Radschlagen und rumoren kann. 
Durch alle Monate ist der Ruf gehallt: 
„Heraus ans der Kirche! Die Kirche ist 
ein dumpfes, dunkles Gebäude, das auf Ab 
bruch verkauft werden muß. Die Kirche 
ist der Ort für alte Weiber und für die 
Dummen". Matthias Claudius sang schon 
dazumal: 
Erleuchtet das Jahrhundert ist, — 
Der Esel Stroh und Disteln frißt. 
Tausende haben, zumal in den großen 
Städten, der Kirche den Rücken gewandt 
und ihren Austritt erklärt. Die Kirche hat 
an ihnen nichts verloren, denn sie werden 
sich schon längst nicht mehr um dieselbe ge 
kümmert haben, aber sollten sie nichts an 
der Kirche verloren haben? Ich habe in der 
Großstadt maiiche Mutter um ihr verlorenes 
Kind weinen sehen, weil dasselbe jeden Hal 
verloren hatte; und wenn sic sagen sollte: 
die Kirche hat meinem Kinde auch nichts 
gegeben, so will ich sie fragen, wo sie Licht 
suchen will in den dunklen Sorgenstunden 
fragen will ich, woher man Geduld in bei 
Krankheit, Ergebung im Leid, Trost in der 
Trauer, Hoffnung im Sterben sich holen 
will, wenn man von einer Kirche, einem Gott 
und einem Heiland nichts mehr wissen will; 
Wenn ich den armen Menschen nachschaue; 
die aufs Gericht laufen, um ihren Aus 
tritt aus der<Kirche zu erklären, dann 
muß ich an Klans Klüntjer denken, der mit 
seiner schönen Rotbunten auf den Markt 
gezogen und dort die Kuh an einen Unbe 
kannten ans Kredit verkauft hatte. Als ihn 
abends seine Frau fragte, wer ihre Kuh be 
kommen habe, antwortete er: „Dat weer eit 
Kerl niit’n blaue Jack an, und wenn ick cm 
weller sch, denn kenn ick ein wol". Endlich 
wollte er aber doch seine Kuh bezahlt haben, 
ging aus und fragte überall nach dem Kerl 
mit der blauen Jacke, aber überall fragte 
er vergebens. 
Ihr armen betrogenen Ausgetretenen, wenn 
ihr nachher herumlauft und fragt: wer hat 
mir die Ruhe der Seele, den Frieden des 
Herzens, den Trost im Leid, den Halt int 
Leben und die Hoffnung im Sterben ge 
nommen, und wer entschädigt mich dafür, 
dann werden Monisten, Atheisten und So 
zialisten sagen: wir haben dir nichts ge 
nommen und sind dir nichts schuldig; und 
Klaus Klüntjer kann sich die Füße wund 
laufen, um den Kerl mit der blauen Jacke 
zu suchen, und findet ihn nimmer. 
Die Wurzeln unserer Kraft liegen anders 
wo als in dem Flugsand der Meinungen 
des Tages. Der eiserne Kanzler und ge 
waltige Schmied, der Alldeutschland zu 
sammengeschmiedet hat, daß es sei ein einig 
Volk von Brüdern, der'hat das allbekannte 
Wort gesprochen: „Wir Deutsche fürchten Gott 
und sonst nichts auf dieser Welt!" Den 
Mann wußte, auf welchen Felsen man sich 
stellen müsse, um fest zu stehen. Da stand 
eines Tages dieser Eichbaum im deutschen 
Männerwald in seinem Sachsenwald bei 
Friedrichsruh und redete mit einem Manne,
	        

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