Full text: Hauskalender für den Kreis Plön (1915)

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Sefegnetez Nematzr! 
Gesegnetes Neujahr allen meinen alten und meinen neuen Freunden! Gesegnetes 
Neujahr allen Menschen, die durch die Zeit zur Ewigkeit wandern! 
Wenn ich das Wort „gesegnet" vernehme, so muss ich immer an die lieben 
Hände meiner treuen Mutter denken. Noch immer sehe ich diese feinen und festen 
Hände vor mir, denen harte Arbeit nicht hatte ihre Schönheit rauben können. 
Ich sehe sie vor mir, wie sie den Laib Brot mit dem Messer kreuzten, ehe sie 
ihn anschnitten. Ich sehe sie, wie sie sich uns Kindern sorgend und mahnend auf das 
Haupt legten, wenn wir Elternhaus und Heimat zum ersten Mal verließen. Ich sehe 
sie, wie sie den ersten Enkel dem Lichte entgegenhielten, daß der Sonne Strahl seine 
kleine Stirne küßte. Ich sehe sie endlich, wie sie unserem guten Vater bei seinem Ent 
schlafen sanft die brechenden Angen schlossen. 
Gesegnetes Neujahr! Mütterlich neues Jahr, das du zu uns kommst aus der 
Ewigkeit, habe gesegnete Hände wie meine Mutter. Segne uns die Mühe der Arbeit, 
wie die Speise für Leib und Seele. Hilf uns, nie zu vergessen, daß wir droben Vater 
haus und Heimat haben. Trage junges Leben zur Reinheit, zum Lichte siegreich empor. 
Alten Erdenpilgern, die sich heimwärts sehnen, schließe lind die müden Augen. Mütter 
liches neues Jahr, habe gesegnete Hände wie meine Mutter. 
Mit vielen Bitten auf den Lippen und mit großer Hoffnung im Herzen, gehen 
wir alle in die Zukunft hinein. Wir alle, den» wir Menschen hören nie auf zu 
wünschen und hoffen, solange wir leben. Wer nichts mehr für sich selbst begehrt, er 
sehnt etwas Gutes für seine Kinder, seinen Stand, seine Kunst, seine Gemeinde, sein 
Vaterland. Wem die Dinge dieser Welt schal und gleichgültig geworden sind, der 
erhofft etwas Leuchtendes, Schönes, Erhabenes in der Ewigkeit. 
Die Erfüllung solcher Wünsche liebe Freunde, hängt ganz von der Art ab, in der 
wir bitten. Wir müssen mit Ernst und Aufrichtigkeit bitten, indem wir uns für die Er 
füllung unserer Wünsche einsehen. Hat danach gemeffen unser Wunsch „gesegnetes Neu 
jahr" Aussicht auf Gewährung? Das ist leicht festzustellen. Wir brauchen nur zu fragen, 
ob wir für die Menschen, denen wir ein „gesegnetes Neujahr" wünschen, auch das tun, 
was in unseren Kräften steht, um ihre Zukunft sonniger und segensreicher zu gestalten. 
Tun wir das nicht, so wird der Wunsch auf unseren Lippen zum Ankläger gegen unsere Auf 
richtigkeit. So ist ein jeder neuer Glückwunsch, den wir am Neujahrsmorgen aussprechen, 
eine neue Verpflichtung, für die zu arbeiten, zu sorgen, denen wir diesen Gruß bringen. 
Einander Karten schicken, auf die ein Kleevier oder ein Hufeisen, ein Vergißmein- 
nichtstrauh oder ein Geldbeutel gemalt ist, heißt nicht „gesegnetes Neujahr" wünschen, son 
dern gesegnetes Neujahr wünschen heißt: Herz und Beutel für einander auftun, und das 
Beste für einander herausholen, was darin ist, und nicht zu vergessen der großen Ver 
pflichtung, die wir für einander haben, wir, denen dies Neujahr geschenkt ward von dem 
Gott und Vater, der will, daß wir ihn lieben, indem wir uns untereinander lieben. 
Liebe Freunde, alte und neue, Gesegnetes Neujahr! 
ver Kalendermann. 
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