Full text: 1994 (1994)

GRÖNLAND IM BUCH II : 
Ein Afrikaner in Grönland 
Grönland gesehen durch die Augen eines Togolesen - eine nicht liche Perspektive mit mancherlei Überraschungen . 
Tété - Michel Kpomassie beschließt 1957 im Alter von 16 Jahren , nach Grönland zu reisen - ein Traum , den er sich von 1965 bis 1967 erfüllen konnte . In seinem Reisebericht Ein Afrikaner in Grönland beschreibt er zunächst sein Leben in Togo , wo er nach einem Unfall kurz davor steht , für den Rest seines Lebens einem genkult als Priester geweiht zu werden . Vor diesem Schicksal flieht Kpomassie zunächst zur Elfenbeinküste , dann nach Ghana und Mauretanien . Er schlägt sich mit denen Jobs durch und bildet sich daktisch fort . Von Afrika kommt er lich über Frankreich , die Bundesrepublik und Dänemark nach Grönland . Dort ruft er als erster schwarzhäutiger Mensch , der das Land in Menschengedenken und freiwillig betritt - und auch noch für längere Zeit dort leben möchte - unglaubliches und gläubiges Erstaunen hervor : „ Ich , der ich aufgebrochen war , um Entdeckungen zu machen , war selbst eine Entdeckung " . 
Tété - Michel Kpomassie Ein Afrikaner in Grönland 
Dt . von Anna Müther 
Mit einem Vorwort von Jean Malaurie 
München : Piper , 1992 . 
313 S . , DM 16 , 80 . 
Kpomassie arbeitet sich langsam vom den der Westküste nach Norden vor und überwintert schließlich in Oqaatsut ( bay ) bei llulissat ( Jacobshavn ) . Sein zweites Jahr verbringt er noch weiter nördlich bei Robert Matâk in Upernavik . Von ihm und anderen hört er Sagen und Mythen der In - uit . Als Kpomassie ein Jahr später Grönland verläßt , sagt ihm Matâk : „ Dein Platz ist hier unter uns " . 
Die Stärke von Ein Afrikaner in Grönland liegt in dem erfrischend neuen Blickwinkel des Nichteuropäers . Zum einen kann massie die Kultur der Inuit mit seiner nen , ebenso 'wenig fortgeschrittenen' 
NORDEUROPA 
/ Valili 
gleichen . Dies schieht gegen Ende des Buches immer häufiger : dische Torfhütten erinnern Kpomassie an afrikanische Hütten ; die 'tarnin - gerneq' genannte Seele des schen stimmt mit der togolesischen Auffassung der le überein , die schiedsgesten sind ähnlich . Der Autor erfüllt seine gestellte „ Aufgabe des aufmerksamen Beobachters " gut . 
Zum anderen kann Kpomassie das hältnis zwischen Grönland und ropa anders als ein Europäer men . Er bemerkt , daß Europa „ ihre Kultur [ die der uit ] mißachtet " , während tig mancher Inuit die „ Traditionen seiner Heimat mit Füßen tritt " . Der Verfasser sieht seine Aufgabe darin , seinen „ in Afrika bliebenen Brüdern " von seiner Reise zu zählen , um „ dem Kontinent neue te zu eröffnen " . Eine rührend humanistisch - aufklärerische Auffassung der Funktion und Möglichkeiten von Literatur ! 
Leider werden diese Stärken jedoch von den Schwächen des Buches überlagert - die allerdings jede für sich auch als Stärke interpretiert werden könnten . Störend ist vor allem das übergroße Ego des Erzählers , das bereits Jean Malaurie in seinem wort anspricht : „ die Neigung zu ren , zu besitzen , kurz , ein wenig den scher zu spielen " . Kpomassie ist oft unfair , wenn er z . B . bei anderen kritisiert , was er selbst auch tut . Bestimmte Sitten heißt er nur so lange gut , wie ihre Auswirkungen ihn persönlich nicht negativ betreffen , z . B . in bezug auf die Promiskuität der Frauen ( überhaupt ist der Sexismus in diesem Buch äußerst anachronistisch und störend ) . 
Sprachlich ist Ein Afrikaner in Grönland recht unbefriedigend . Unangenehm belu - 
Walfischkiefertor in Sissimiut 
stigend fällt z . B . der gelegentliche Einbruch von einerseits umgangssprachlichen , rerseits pathetischen Phrasen - „ Bis hinauf in die Arktis bist du nur ein leeres Wort , eine hohle Phrase , o Gleichheit ! " - auf . nen literarischen roten Faden erkennt man höchstens mit viel gutem Willen in der Häufung der Vergleiche zwischen Afrika und Grönland gegen Ende des Buches . All diese Kritikpunkte könnte man allerdings , wie gesagt , auch als Ausdruck von Charme und Natürlichkeit interpretieren . Insgesamt ist Kpomassie aber in seiner Beschreibung und Bewertung Grönlands zu inkonsequent und unschlüssig . Hinzu kommt , daß sich in der Generation seit seinen Erlebnissen so viel verändert hat , daß selbst diejenigen seiner Beobachtungen und Erkenntnisse , die als solche erkennbar sind , heute wohl kaum noch Gültigkeit beanspruchen nen . So kann man heute Ein Afrikaner in Grönland als historisches Dokument lesen , aber über Grönland in der Gegenwart kann uns Kpomassie nicht viel sagen . 
Norbert Schürer , Berlin
	        
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