LEBEN LERNEN : 
Harte Schule Norwegen 
Die Zeit , die Hans Henny Jahnn während des Ersten Weltkrieges in Norwegen verbrachte , prägte sein gesamtes literarisches Schaffen . Das Werk Jahnns ist wie kein anderes in der schen Literatur unlösbar mit dem sagenumwobenen „ Land der tausend Heime " verknüpft . 
Raimund Wolfert 
Zweifellos ist er einer der waltigsten Autoren der deutschen Literatur . Im internationalen sammenhang wird sein Name häufig in nem Atemzug mit denen von Robert Mu - sil , Marcel Proust und James Joyce genannt . Dennoch ist er seit jeher auch ner der unbekanntesten Autoren unserer Literatur . Klaus Mann schrieb einmal über ihn , er „ gehörte zu dem geheimen Reiche einer inoffiziellen deutschen Literatur , nem Reich von ungekannten , ten Fürstlichkeiten " . Daran scheint sich bis heute kaum etwas geändert zu haben . Die Rede ist von Hans Henny Jahnn , nem exzentrischen und ten Hamburger Orgelbauer und forscher , Architekt , Zivilisationskritiker , Atomrüstungsgegner , Dramatiker und mancier , der heute außerhalb eines nen , fast esoterisch wirkenden Kreises von Anhängern noch immer weitgehend kannt ist . 
In diesem Jahr hätte Hans Henny Jahnn ( 1894 - 1959 ) seinen 100 . Geburtstag feiern können . Aus Anlaß dieses Jubiläums ist Jahnns Name und sind seine Werke in Deutschland erstmals wieder verstärkt ins öffentliche Bewußtsein getreten . So soll auch an dieser Stelle an den „ größten deutschen Prosaist unserer Zeit " ( Walter Muschg ) erinnert werden . Denn sowohl sein Leben als auch sein Werk sind aufs engste mit Nordeuropa verknüpft . Während der Erste Weltkrieg die 
mauern der Welt erschütterte , suchte der junge Jahnn sein gelobtes Land fern der Gegenwart im gänzlich unbekannten ropäischen Norden . Um der drohenden Einberufung in den Kriegsdienst zu hen , flüchtete der Kriegsgegner 1915 sammen mit seinem Freund Gottlieb Harms nach Norwegen . Keine zwanzig Jahre später trieb es Jahnn erneut ins land . Kurz nach der Machtergreifung der Nazis ging der Autor ins dänische Exil , warb einen Hof auf Bornholm und kehrte erst 1950 nach Deutschland zurück . Einen Namen als Schriftsteller machte sich Jahnn hierzulande besonders durch das in Norwegen geschriebene wahrlich ströse Drama Pastor Ephraim Magnus , den opulenten Roman Perrudja aus dem Jahre 1929 und die in der Bornholmer Zeit entstandene ebenso voluminöse wie kühne Trilogie Fluß ohne Ufer . Wie alle Werke des bisexuellen Jahnn kreisen auch diese drei um die physische Verankerung der menschlichen Existenz , um die letzlichkeit und Hinfälligkeit des Leibes , seine Schutzlosigkeit und heit . „ Wir haben ein Scheidewasser den in den Begriffen Leib , Seele , Geist . Aber die drei sind ein Mensch . Und der Mensch ist durch eine Geburt " , te es der Autor einmal . 
Jahnns frühes Utopia war das Land Ugrino . Es war das Wunschbild einer legenen Insel , auf der eine Elite junger Männer versammelt lebt , um ihren Traum 
einer erneuerten Menschheit zu chen . Hier wollte der Autor als nig lenken und leiten . Daß der junge Jahnn dieses Utopia zusammen mit nem Freund in Norwegen suchen sollte , war wohl eher eine Zufälligkeit . Weder er noch Harms konnten ein Wort gisch , als sie im August 1915 mit dem Schiff von Lübeck nach Kristiania chen - und das erträumte Ugrino zeigte schon bald sein wahres Gesicht : Binnen weniger Stunden nach ihrer Ankunft ren die beiden zu der Überzeugung langt , daß alles Norwegische von Übel sei . Dem befreundeten Walter Muschg te Jahnn später : „ In Oslo war eine äußerst deutschfeindliche Stimmung ; unser ganzer Aufenthalt dort war eine Kette von üblen Zwischenfällen , und die Preise waren rückt . Wir beschlossen weiterzugehen , kauften eine Landkarte und setzten den Finger auf irgendeinen Ort : Aurland . " 
Glück auf Umwegen 
So verschlug es die beiden Freunde wie zufällig in den kleinen 300 - Seelen Ort am Aurlandfjord , einem Seitenarm des inneren Sognefjords . Die beiden fuhren mit der erst kurz zuvor fertiggestellten Bergensbahn bis Myrdal , wanderten zu Fuß durch das Flâmstal und fuhren mit dem Schiff weiter in das „ gottverlassene Nest " , das sie sich ungesehen zu ihrem Aufenthaltsort erwählt hatten . Später sollte Jahnn erkennen , daß Aurland „ einer der schönsten Orte gens " ist - „ eine ganze herrliche Welt für sich " . Doch unerfahren und unsicher wie die beiden Freunde waren , erlebten sie die örtlichen Verhältnisse hier zunächst als feindlich . Indessen sollte sich ihr halt in Aurland als außerordentlich bar erweisen . Nicht nur das Norwegische Tagebuch Jahnns entstand hier . Während Harms musizierte und zeichnete , schrieb Jahnn auch den Roman Ugrino und Ingra - banien , das Drama Pastor Ephraim gnus und noch vier weitere Dramen . dies fertigte er eine Unmenge von turentwürfen an und komponierte an einem eigens aus Bergen bestellten alten Bechstein - Flügel . „ Es war ein Leben auf dem Vulkan , ein Betrieb von besessenen Menschen " , charakterisierte Jahnn die Zeit in Aurland später . Aber er bekannte auch : „ Wir haben damals mit chen Opfern die erste Lebenspraxis ben . " 
NORDEUROPA 
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