Full text: (1994)

diesem „ schwierigen " Thema nicht fragt . Irma Müller - Nienstedt : „ Stimmt , ich habe sie nicht befragt . Ich dachte auch , daß man / frau ihr Lesbischsein nicht betonen sollte , es ist ja eine besondere Art der Sexualität . Wir sprechen auch nicht so viel über die heterosexuellen gen der anderen , oder ? " 
Tove Jansson genießt eine überaus große Popularität in Skandinavien und weit darüber hinaus . Heute steckt ganz Finnland im „ Mumin - Boom " , und das wissen die Produzenten von Accessoires zu nutzen : es werden Muminbecher , Mu - minbriefpapier , Mumin - T - Shirts , Mumin - lutscher , Muminkekse , Mumin - Eis , ja gar Muminbriefmarken usw . angeboten . Da das finnische Volk die Muminwelt in zunehmendem Maße als seine eigene empfindet , sich mit den Mumins ziert , kann man der Tagespresse auch empörte Reaktionen entnehmen . So sehr die Berühmtheit für Tove Jansson nehme Seiten hat , so sehr kann sie auch zur Plage werden . „ Meines Erachtens steht die größte Gefahr der sierung darin , daß die wirkliche Tiefe ser Bücher dabei verloren gehen kann und zu wenig Beachtung findet , " miert Müller - Nienstedt . 
Urs Oskar Keller , Kreuzlingen / Schweiz 
DAS LETZTE PROTOKOLL : 
Chronik des Schreckens 
Die Bestialität des Menschen , das kaum auszuhaltende Schreien der Gequälten sind Themen eines erst jetzt übersetzten Romans von Jens Bjorneboe aus dem Jahr 1973 . 
Stillheten , Stille von Jens Bjorneboe schien bereits 1973 beim Gyldendal Norsk Forlag in Oslo und so erstaunlich es ist , daß dieser „ Antiroman " erst nach 20 Jahren , 17 Jahre nach Bjorneboes tod , in Deutschland erscheint , so lich ist es . Obwohl eben Worten wie „ freulich " oder „ positiv " in Bjorneboes „ Chronik des Schreckens " eigentlich kein Platz zusteht . 
Jens Bjorneboe : 
Stille , oder das absolut letzte 
Protokoll 
Roman aus dem Norwegischen 
von Jürgen Wierzoch , 
mit einem Nachwort von 
Arno Maierbrugger 
Grafenau , Trotzdem Verlag , 1993 , 
189 S . , DM 28 , - 
Der Roman ist eine vordergründig tisch anmutende Mixture aus historischen Zeitfenstern , fiktiven Gesprächen mit schichtlichen „ Größen " wie Kolumbus oder Robespierre , eingestreuten schen Passagen und real erscheinenden Dialogen . Handlungsort des Buches ist gerien kurz nach der Unabhängigkeit , und somit gründen wohl zumindest die rischen Passagen auf Bjorneboes reise im Jahre 1971 . Der Erzähler , tief wurzelt in der europäischen Geschichte , schlendert durch die Gassen Algiers und nimmt das Elend und all die sonstigen zösisch - europäischen Hinterlassenschaften mit einer Sensibilität wahr , die die enorme Spannung zwischen dem alten „ ropa " und den verzweifelten Bemühungen der algerischen Bevölkerung , sich von eben diesem fatalen Erbe zu lösen , klar zum Ausdruck bringt . 
In Teilen der Bevölkerung lebt auch noch neun Jahre nach der keit der Geist des Widerstandes , der Wille zur Revolution . Stellvertretend dafür steht Ali , der Freund und Gesprächspartner von Bjorneboes Protagonisten . Ali ist gehöriger der Black Panther und bildet das klassische Gegengewicht zur päisch geprägten Sichtweise des zählers . Bjorneboe positioniert Ali als afrikanischen Intellektuellen zwischen emotionalem Traditionalismus , tionärem Marxismus und pauschalem ropahaß . Die enge Klischeeverbundenheit von Bjorneboes Hauptpersonen mutet phasenweise an wie ein Lehrstück , immer auf der Suche nach der richtigen Moral . 
In den Dialogen zwischen Ali und dem Erzähler gelingt es Bjorneboe sehr gut , die Unterschiede zwischen europäischer und afrikanisch - arabischer Sichtweise darzustellen . So zeichnet sich die „ lution " , die für beide zwangsläufig und unaufhaltsam am Ende eines jeden schichtlichen Prozesses steht , für beide durch gänzlich unterschiedliche teristika aus . Was für den Afrikaner Ali 
der gemeinschaftliche Befreiungskampf seines Volkes vom europäischen Joch ist , ist für Bjorneboe das Zerreißen seiner genen europäischen Ketten , das sich lösen von jeglicher Form europäischen Gedankengutes . 
Bjorneboes Erzähler sieht seine Chance in einer grenzenlosen Selbstkasteiung . In der Überzeugung , dem Menschen die ganze Wahrheit zumuten zu müssen , ihn den Schmerz dieser Welt am eigenen be spüren lassen zu müssen , nimmt er persönlich die Schuld der gesamten ropäischen Geschichte auf sich . Was folgt ist ein opulentes Schwelgen in der schichte der Bestialitäten . Nichts läßt Bjorneboe aus : er beschreibt , tiert , präzisiert - fast im Stile von brauchsanweisungen - Foltermethoden und Strafmaßnahmen , von Cortez in xiko bis Pizarro in Südamerika , von den inquisitorischen Henkern Mittelitaliens zu den grausamen Praktiken der nischen Gis im Vietnamkrieg . 
Aber Bjorneboes Erzähler ist eben nicht logisch . Er springt von Gedanken zu logen , von ausschweifend erzählerischen Passagen zu fiktiven Begegnungen . In danklichen Auseinandersetzungen sinnt er über Schuld und Unschuld eines quis de Sade nach und säuft sich um den Verstand . 
Wie oft Bjorneboe , der selber als holabhängiger Exzeßtrinker bekannt war , während der Verfassung dieses Buches kurz vor dem physischen Ende stand , kann man nur erahnen , sicher aber ist die Konfusität des Buches ein Abbild seines eigenen , anarchistischen , schen Lebensstiles . 
Stille ist das Dokument eines Mannes , der schon genug gesehen hat , aber die Augen noch nicht schließen kann . neboe ist nicht krank , eher verzweifelt er an seiner eigenen Gesundheit , einer sundheit , die ihn zwingt zu sehen . neboe war davon überzeugt , seit Geburt an einer endogenen Depression zu leiden , der er gerne die Verantwortung für seine bedrohlichen Schwankungen zwischen Manie und Niedergeschlagenheit schob . 
Stille ist , um Arno Maierbrugger in nem Nachwort zu zitieren „ ein men gegen die menschliche keit : immer knistert irgendwo die Sehnsucht nach der Weltrevolution mit , nach dem Sprengen von Grenzen und 
Nr . 4 , 1994 
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