Full text: (1994)

dem liberalen Bürgertum vorhanden war , im Grunde nichts von der wahren Lage in Deutschland und Österreich , dem Charakter des Faschismus oder der Situation der jüdischen Bevölkerung verstand . Die Flüchtlinge begegneten freundlichen , im Grunde aber stillen und zurückhaltenden Menschen , die leicht als abweisend und desinteressiert mißverstanden werden konnten . Wer an ein politisches oder intellektuelles lieu im Heimatland gebunden war und in einer Kleinstadt oder auf dem Lande leben mußte , fühlte sich unverstanden und verlassen . 
Vereinsamung 
Die Flucht in ein unbekanntes Land barg die Gefahr der Vereinsamung in sich . Man hatte seinen gewohnten gangskreis verloren , traf auf Menschen mit einer anderen Mentalität und te sich nur unzureichend verständlich machen . Der „ Mangel an Menschen " war , wie der spätere ordnete Peter Blachstein feststellte , „ schmerzlich " . Sprachprobleme stärkten die Einsamkeit . Selbst wer schnell politische und persönliche Freunde gewann , hatte das Gefühl , „ sehr alleine " zu sein . Blachstein machte einen potentiellen Norwegen - ten darauf aufmerksam , daß „ Norwegen europäische Provinz , norwegische vinz klein , eng , einsam " sei . Ein ling verglich Oslo mit der Atmosphäre , die an einem Dorfbrunnen herrschte , ein anderer Stockholm mit einem großen „ Hintertupfingen " . Thilo Scho - der , ein Architekt , der zu Unrecht in Vergessenheit geriet , erlebte das gische Städtchen Flekkefjord gar als „ Hölle " . Wer seine Wiege nicht am „ Dorfbrunnen " oder in „ gen " hatte , war nach dem Gefühl einer Jüdin aus Berlin „ ein Nichts " . Selbst 50 Jahre nach der Emigration hatte sie das Gefühl , nicht anerkannt zu werden und fremd zu sein . 
Lernte man dagegen die Mentalität der Skandinavier kennen , fand nach und nach Unverständliches seine Erklärung . Ein deutscher Mathematiker , der sich darüber gewundert hatte , daß „ zu einer Zeit , als Hitler die Welt bedrohte " , in den Teepausen in der Osloer Universität nicht über Politik , sondern über die 
hältnisse diskutiert wurde , und der dies als apolitische Haltung ausgelegt hatte , lernte , daß seine Umgebung viel stärker politisch engagiert war , als er sprünglich annahm . 
Wer bereit war , pulse zu erhalten , die Sprache zu lernen und nicht einer nen Karriere erte , konnte schnell Freunde gewinnen . 
Wenn jemand als spiel einer chen Integration ohne Aufgabe des den Interesses für Deutschland betrachtet werden kann , dann Willy Brandt , der in seinem schwedischen Exil für seine beiden Heimatländer arbeitete . 
Bei einzelnen granten war die sterung über die dische Gesellschaft so groß , daß der mer Germanist Helmut Müssener sie in einer seiner zahlreichen dien zum Exil mit „ Werbesprüchen eines imaginären schen steriums " verglichen hat . Sie blieben nahmen . Allgemeiner war für die politischen Flüchtlinge die rung von Freiheit , mokratie , Humanismus und Konsensbereit - schaft . Wer aus der galen Arbeit oder aus der KZ - Gefangenschaft kam , lernte wieder , sich als freier Mensch zu bewegen . Für jüdische Flüchtlinge war die Erfahrung der Fremde ambivalenter . Flüchtlinge , die über die schwedische Grenze gelotst wurden , ten , wie es in einer Erinnerung heißt , den „ Geist Nansens " . Wer dagegen die gische Polizei als Handlanger der schen Besatzungsmacht erlebte und depor - 
Willy Brandt ( 1913 - 1992 ) , bekanntester Exulant im Norden . 
tiert wurde , hatte auf dieser Fahrt kaum derartige Gedanken . ■ 
Weiterführende Literatur : 
Helmut Müssener : Exil in Schweden ( 1974 ) , ders . , in : Frühwald / Schieder ( Hg . ) : Leben im Exil ( 1981 ) , Einhart Lorenz : Exil in Norivegen ( 1992 ) 
Nr . 4 , 1994 
15
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.