Full text: 1994 (1994)


Robert Fuchs : 
Lange Leitung 
Fernsehzuschauer , die regelmäßig die Tagesschau im Ersten Deutschen Fernsehen verfolgen , kennen das eingeblendete Standbild links oben neben der Nachrichtensprecherin , wenn sich die Diskussion um längere Arbeitszeiten oder höhere Löhne für Beamte dreht . Wir blicken in eine deutsche Amtsstube ; die Wände gepflastert mit Hängemappen , Aktenordner meterweise auf Regalen , Akten auf dem überfüllten Schreibtisch und dahinter ein kleiner deutscher Beamter , der in den Papierbergen zu ken droht . Ein Anblick zum Herzerweichen ! Dem kolportierten Vorwurf , die offensichtliche Überlastung des Beamten rühre vom notorischen Schlendrian in der öffentlichen Verwaltung her , len wir an dieser Stelle nicht weiter nachgehen . 
Erst bei aufmerksamem Betrachten , als säße man vor einem Suchbild , fällt auf , daß etwas sentliches fehlt . Ein Computer . 
Was sich in privaten Haushalten und in der Wirtschaft nach fänglich heroischem Verweigern auch in Deutschland durchgesetzt hat , scheint in Behörden in der Versuchsphase steckengeblieben zu sein . Die leeren Kassen , so heißt es , seien schuld an der re . Für Projekte zur Förderung und Effektivitätssteigerung der Verwaltung fehle das Geld . Die Worte hör' ich wohl , allein mir fehlt der Glaube . Nicht immer war die Haushaltslage dermaßen spannt wie in den letzten drei bis vier Jahren . 
Der tiefere Grund scheint mir in der Deutschen Argwohn vor en Techniken zu liegen . Anstatt die Möglichkeiten der leichterung durch Vernetzung elektronischer Medien zu erkennen und zu nutzen , befürchten wir die Erfüllung der Horrorszenarien eines Aldous Huxley . Die Gefahr des Datenmißbrauchs durch Behörden und Ämter läßt sich nicht bestreiten . Ein gutes schutzgesetz ist unabdingbar . Diese Forderung sollte aber nicht zwingend mit der Ablehnung von technischen Neuerungen knüpft werden . 
Während in Schweden jede kleine Stadtbibliothek über ein tennetz mit einer übergeordneten Zentrale verbunden ist , die kunft über Vorhandensein und Standort eines Buches geben kann , arbeitet man an den Berliner Universitäten noch heute mit Zettelkästen wie weiland zu Mommsens Zeiten nach den schen Instruktionen . Einem deutschen >Datenschutzbewegten< muß das Buchbestellsystem an schwedischen Universitäten wohl geradezu als ein Alptraum erscheinen . Mit Hilfe eines 
chen Strichcodes auf dem Bibliotheksausweis bestellt man das wünschte Buch aus dem Magazin . Der Mißtrauische wird nen , daß in jeder Bibliothek ein Männchen sitzen könnte , das Auswertungen anstellt , wer wann welches Buch geliehen hat , um dann zusammen mit der Geheimpolizei durch eine dung nach kriminellen Elementen zu suchen . Terrorist überführt durch Bibliotheksausweis ! Wäre ja noch schöner . Da nehmen wir doch gerne die Zettelkästen und das Leihschein - Ausfüllen in Kauf , in der Annahme , daß eine manuelle Auswertung im satz zur elektronischen zu viel Mühe bereitete . 
In Stockholm sind sie überall anzutreffen . Auf den Straßen , in Einkaufspassagen , in Szenekneipen , im Auto : telefonierende schen mit ihren schnurlosen Apparaten . Die Wahlplakate der deraten Partei zeigen einen vom Wind zerzausten Carl Bildt auf einem Baugerüst über den Dächern von Stockholm , der mit Hilfe seines Telefons immer auf Draht ist . Man stelle sich mut Kohl in ähnlicher Pose auf den Mauern des Schürmann - Baus vor , im Hintergrund die imposante Skyline von Bonn . Undenkbar ! Ein versonnen dreinblickender , Vertrauen heischender und selbstsicherer Bundeskanzler vor sanft der Fahne ist uns da schon ber . Ganz abgesehen davon , daß die 700 Millionen Mark teure Bauruine schlechte bung wäre , dürfte deutschen Wählerinnen und Wählern die moderne Technik ein bißchen zu aufdringlich erscheinen . lande müssen Benutzer solcher Geräte mit höhnischem Spott rechnen . Nur Angeber im offenen Cabriolet halten sich solche Dinge . 
Doch gemach . Auch hier werden sie sich durchsetzen . Galten vor zehn Jahren Besitzer von Anrufbeantwortern noch als ten , ist es heute chic , Anrufer mit ausgefallenen Ansagen zu empfangen . So ändern sich die Zeiten . Was bleibt , ist der dauernswerte Beamte hinter seinem Schreibtisch . Die UNO hat Deutschland gebeten , Beamte nach Bosnien zu entsenden , um die öffentliche Verwaltung wieder aufzubauen . Ein humanitärer Einsatz sozusagen . Im Gepäck werden sie Aktenordner und Hängemappen mitführen , um deutsche Effizienz und Ordnung nach Bosnien zu bringen . Ein gigantisches Projekt . Vielleicht hätte man den Behördenaufbau besser den Schweden sen^ ■ 
Nr . 3 , 1994 
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